Die letzte Meile elektrifizieren ohne das Stromnetz zu überlasten

Die letzte Meile elektrifizieren ohne das Stromnetz zu überlasten
Copyright:

shutterstock / 1932536813

EAN Redaktion
EAN Redaktion
  —  Lesedauer 4 min

Preisschock, Blackout-Angst und Netze an der Belastungsgrenze: Die Lage in der Energieversorgung ist angespannt. Damit trotz dieser Herausforderungen die Elektromobilität weiter ausgebaut werden kann, braucht es eine intelligent gesteuerte und effiziente Ladeinfrastruktur.

Die CO2-Emissionen des Straßengüterverkehrs stiegen von 1990 bis 2020 um 17 Prozent. Mit einem CO2-Ausstoß von 46 Millionen Tonnen ist der Straßengüterverkehr für 7 Prozent der deutschen Gesamtemissionen verantwortlich. Da der Straßentransport, gerade auf der letzten Meile, zuverlässig geplant werden kann, ist dieser Bereich prädestiniert für die Elektrifizierung. Allerdings sollte man darauf achten, dass die hohe Emissions-Belastung nicht direkt von einer hohen Netzbelastung abgelöst wird. Denn, die Vorteile einer elektrisierten Flotte lassen sich nur nutzen, wenn die Ladeinfrastruktur und das Stromnetz den Bedarf tragen können.

Für den Lieferverkehr sind Elektrofahrzeuge insgesamt eine gute Wahl. Spediteure erreichen damit ihre Nachhaltigkeitsziele leichter. Der Druck in diese Richtung wuchs nicht zuletzt mit dem Lieferkettengesetz und dem Verkaufsverbot von Verbrenner-Fahrzeugen in der EU ab 2035 noch einmal weiter. Zusätzlich reduzieren sich die Kosten für den Flottenbetrieb. Batterien werden stetig günstiger. Seit 2010 sanken die Kosten pro Kilowattstunde für eine Lithium-Ionen-Batterie von 600 auf 92 Euro. Die Wartung von Elektrofahrzeug ist um etwa 35 Prozent günstiger als bei vergleichbaren Dieselfahrzeugen.

Mit Smart-Charging-Systemen ohne Blackout-Angst elektrifizieren

Schlussendlich brauchen jedoch alle Elektrofahrzeuge vor allem eines: Strom. Der ist aktuell ein begehrtes Gut. Die Elektrifizierung des Verkehrs sollte die Angst vor Netzüberlastungen und Blackouts nicht noch verstärken.

„Die Elektrifizierung des Verkehrs soll als etwas Positives aufgenommen werden. Die Menschen müssen die Vorteile davon wahrnehmen. Wenn dieser Schritt jedoch für mehr Angst und Unsicherheit sorgt, ist das Gegenteil der Fall. Und die Verkehrswende kann nur gelingen, wenn sie aus der Mitte der Gesellschaft getragen wird“, sagt Ore Oluwatudimu, Manager Solutions Engineering Europe von ChargePoint.

Dem lässt sich mit Intelligenten Ladelösungen entgegenwirken. Spediteure, die eine Elektrifizierung ihrer Flotte planen und dementsprechend eine Ladeinfrastruktur aufbauen, können diese über intelligente Software-Lösungen steuern. Dabei fließen Telematik- und Routendaten sowie Informationen zur Verfügbarkeit und dem Status einzelner Ladepunkte sowie der Netzauslastung in die Ladeplanung der Fahrzeuge ein. Anhand dieser Parameter steuert das System die Infrastruktur und Fahrzeuge so, dass Warte- und Standzeiten für Ladevorgänge genutzt und das Netz nicht überbeansprucht wird.

Mit Vehicle-to-Grid-Konzepten Strom zurückgeben

Einer Netzüberlastung können Flottenbetreiber auch aktiv entgegenwirken – indem sie Strom zurückgeben. Das funktioniert mit Vehicle-to-Grid-Konzepten (V2G). Lieferfahrzeuge sind zum Ende einer Schicht oder während unvermeidbarer Standzeiten nicht unbedingt entladen. Möglicherweise benötigen sie für die folgenden Aufträge nur eine eingeschränkte Reichweite. Je mehr Daten zu Ladeständen und dem Lieferbedarf vorliegen, desto besser lässt sich die Energienutzung planen. Ist in Batterien von Fahrzeugen „überflüssiger“ Strom vorhanden, kann er an das Netzt zurückgegeben werden. Bedenkt man, dass ein deutscher Durchschnittshaushalt im Schnitt 9,4 Kilowattstunden Strom pro Tag verbraucht und eine vollgeladene Batterie eines Lieferfahrzeugs bis zu 90 Kilowattstunden Strom liefern kann (je nach Modell): zeigt sich, dass selbst mit teilentladenen Batterien auf größere Flotten hochgerechnet gute Rückgabemengen in das Netz möglich sind.

Über die Ladetechnik lässt sich das Netz ebenfalls entlasten. Spediteure können beispielsweise ihre Infrastruktur an Logistik-Hubs vorwiegend mit AC-Ladestationen bestücken. Hochleistungs-Terminals für Schnellladungen sind kaum notwendig. Lieferfahrzeuge für die letzte Meile legen selten längere Strecken zurück. Es reicht häufig aus, sie zwischen Aufträgen teilweise zu laden. Nach Schichtende können sie außerdem über Nacht langsam vollständig geladen werden. Dadurch gestaltet sich die Netzbelastung gleichmäßiger. Plötzliche Lastspitzen kommen selten vor. Eine intelligente Lade-Lösung hilft auch hier dabei, dass die Flotte trotzdem zu jeder Zeit zuverlässig eingesetzt werden kann.

Der Spediteur wird zum Stromerzeuger, das Lieferfahrzeug zum Pufferspeicher

Auch abseits der Fahrzeuge gibt es Maßnahmen, die zur Netzstabilisierung beitragen. Zum Beispiel: selbst Strom erzeugen. Logistiker und Spediteure haben dafür gute Voraussetzungen. Sie betreiben Lagerhallen und haben häufig auch über Parkflächen viel Platz. Hallendächer sind prädestiniert für Solarpaneele. Auch für Freiflächen gibt es Lösungen, um dort Sonnenkollektoren anzubringen. V2G-Fahrzeuge lassen sich dabei als Pufferspeicher einsetzen. So muss der Strom nicht direkt ins Netz eingespeist werden, sondern bleibt vorerst in der Flotte.

Diese Maßnahmen sorgen dafür, dass die Elektrifizierung des Lieferverkehrs auch während Krisenzeiten keinen Rückschritt hinnehmen muss, sondern weiterwachsen kann. Allerdings ist es dazu notwendig, dass alle involvierten Stakeholder zusammenarbeiten und langfristig, holistisch planen. Gemeinsam können Flottenbetreiber, Ladeinfrastrukturanbieter und Netzbetreiber so mehr Nachhaltigkeit für die Gesellschaft schaffen.


Über den Autor: Ore Oluwatudimu, Manager Solutions Engineering Europe von ChargePoint

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
EAN Redaktion

EAN Redaktion

Hinter dem Redaktions-Account von Elektrauto-News.net verbergen sich externe Redakteure, welche als Experten in Ihrem Bereich entsprechende Fachberichte für unser Magazin beisteuern.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Elektroauto laden

BYD und Eon starten smartes Laden mit Bonus

BYD und Eon starten smartes Laden mit Bonus

Daniel Krenzer  —  

BYD und Eon starten in Deutschland ein gemeinsames Angebot für intelligentes Laden. E-Auto-Fahrer sollen damit Geld sparen können.

Bundesnetzagentur korrigiert Smart-Meter-Zahlen von 2025

Bundesnetzagentur korrigiert Smart-Meter-Zahlen von 2025

Sebastian Henßler  —  

Die Zahlen zum 31. Dezember 2025 waren wegen Mehrfachzählungen fehlerhaft und wurden korrigiert. Die Quoten der laufenden Aufsichtsverfahren bleiben unberührt.

Autoindustrie warnt: Neue Regeln könnten Bidi-Laden ausbremsen

Autoindustrie warnt: Neue Regeln könnten Bidi-Laden ausbremsen

Daniel Krenzer  —  

Auto- und Energiewirtschaft kritisieren die geplanten MiSpeL-Regeln der Bundesnetzagentur. Zusätzliche Zähler und Vorgaben könnten demnach V2G ausbremsen.

Ladepark Zusmarshausen: Warum das E-Auto überzeugt

Ladepark Zusmarshausen: Warum das E-Auto überzeugt

Daniel Krenzer  —  

Der Ladepark Zusmarshausen bietet 76 Ladepunkte, Gastronomie und weitere Angebote. Nutzer berichten von Vorteilen, aber auch Verbesserungsbedarf.

Cubos übernimmt Scapo: Ladenetz wächst auf 16.000 Punkte

Cubos übernimmt Scapo: Ladenetz wächst auf 16.000 Punkte

Sebastian Henßler  —  

Cubos übernimmt den Mainzer Ladeinfrastruktur-Anbieter Scapo und baut sein Ladepunkt-Portfolio auf über 16.000 Standorte deutschlandweit aus.

Porsche startet induktives Laden mit dem Cayenne Electric

Porsche startet induktives Laden mit dem Cayenne Electric

Sebastian Henßler  —  

Porsche stattet den Cayenne Electric erstmals mit induktivem Laden aus: Bis zu 11 kW werden kabellos übertragen, der Wirkungsgrad liegt bei rund 90 Prozent.

Genug Ladepunkte in Deutschland, aber am falschen Ort

Genug Ladepunkte in Deutschland, aber am falschen Ort

Sebastian Henßler  —  

Rein rechnerisch hat Deutschland genug Ladepunkte, trotzdem verdienen 95 Prozent der Betreiber kein Geld. Stefan Pagenkopf-Martin erklärt, woran es hakt.