Handelsstreit mit den USA: Kanada setzt auf Gegenmaßnahmen

Handelsstreit mit den USA: Kanada setzt auf Gegenmaßnahmen
Copyright:

Shutterstock / 2269306141

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Mark Carney, designierter Premierminister Kanadas, hat gegenüber Automotive News bekräftigt, dass die bestehenden Zölle auf US-Waren bestehen bleiben, solange die Vereinigten Staaten an ihren Handelsbeschränkungen festhalten. In seiner Rede am Sonntag erklärte Carney, dass seine Regierung keine einseitigen Zugeständnisse machen werde. Nur wenn Washington glaubwürdige Zusicherungen zu fairem Handel gibt, werde Kanada auch entsprechend handeln. Die US-Regierung hatte vergangene Woche 25 Prozent Zölle auf die meisten Waren aus Kanada und Mexiko verhängt. Kanada reagierte mit eigenen 25-prozentigen Abgaben auf US-Importe im Wert von umgerechnet etwa 20 Milliarden Euro, darunter Orangensaft, Kaffee und Obst.

Die Regierung in Ottawa hat bereits signalisiert, die Maßnahmen auszuweiten. Zusätzliche US-Exporte im Wert von etwa 90 Milliarden Euro könnten von neuen Abgaben betroffen sein, darunter Autos, Stahl und weitere Lebensmittel. Zusätzlich erhöhte Ontario am 10. März die Strompreise für drei US-Bundesstaaten um 25 Prozent. Die kanadische Provinz wies ihren Netzbetreiber an, eine zusätzliche Abgabe von sieben Euro pro Megawattstunde auf Stromexporte nach Michigan, Minnesota und New York zu erheben. Der Premier von Ontario, Doug Ford, machte klar, dass er ungern zu dieser Maßnahme greife, jedoch die US-Regierung für die Eskalation verantwortlich sei.

Zwar hat Washington einige geplante Handelsbarrieren verschoben, doch besteht weiterhin die Möglichkeit, dass sie im April wieder eingeführt werden. Besonders betroffen wäre die Automobilindustrie Nordamerikas. Vertreter der kanadischen Autoindustrie sehen den neuen Premier als kompetenten Verhandlungspartner. David Adams, Chef von Global Automakers of Canada (GAC), betonte Carneys Verständnis für den Automobilsektor und dessen Bedeutung für die wirtschaftliche Stabilität. Die Organisation vertritt unter anderem Toyota und Honda, die jährlich mehrere hunderttausend Autos in Kanada produzieren und in die USA exportieren.

Automobilindustrie fordert eine entschlossene Antwort auf amerikanische Strafzölle

Auch Brian Kingston, Geschäftsführer der Canadian Vehicle Manufacturers’ Association, setzt auf eine enge Zusammenarbeit mit Carney, um die Branche zu stärken. Seine Organisation vertritt die drei großen US-Autobauer in Kanada und sieht die aktuellen Handelsstreitigkeiten als ernste Bedrohung für den Sektor. Die Gewerkschaft Unifor, die rund 20.000 Arbeiter in kanadischen Autofabriken und 17.000 Beschäftigte in Zulieferbetrieben vertritt, fordert eine entschlossene Antwort auf die US-Maßnahmen. Die geplanten Zölle auf Stahl und Aluminium, die Anfang April in Kraft treten könnten, träfen insbesondere kanadische Produktionsstandorte. Unifor-Chefin Lana Payne erklärte, dass neben Zöllen auch weitere wirtschaftspolitische Maßnahmen geprüft werden sollten, um die heimische Industrie zu schützen.

Die US-Regierung unter Donald Trump begründet die Zölle mit Sicherheitsinteressen. Die Abgaben könnten sich negativ auf zahlreiche Branchen auswirken, von der Automobilfertigung bis zur Verpackungsindustrie. Wirtschaftsexperten warnen, dass die höheren Kosten in den USA letztlich die gesamte Wertschöpfungskette betreffen und die Inflation antreiben könnten. Die Handelskommission der USA veröffentlichte eine Analyse, die zeigt, dass frühere Zölle auf Metalle zwischen 2018 und 2021 zwar die heimische Stahlproduktion um zwei Prozent erhöhten, gleichzeitig aber die Produktion in nachgelagerten Industrien um fast drei Milliarden Euro verringerten. Das Wachstum der Metallbranche konnte diesen Verlust nicht ausgleichen.

Um negative Folgen abzumildern, weitet die US-Regierung die Handelsbeschränkungen auf weitere Produkte aus. Künftig sind auch Teile für Landmaschinen, Metallmöbel und andere Waren betroffen. Kritiker sehen darin eine Kettenreaktion, die zu immer neuen Schutzmaßnahmen führt. Laut Chad Bown vom Peterson Institute für Internationale Wirtschaft könnte sich dieser Prozess verselbstständigen, da weitere Industriezweige ähnliche Schutzmaßnahmen fordern.

Auch die Europäische Union bereitet sich auf mögliche Gegenmaßnahmen vor. Handelskommissar Maros Sefcovic erklärte, dass bereits alternative Szenarien geprüft würden. Noch bleibt die Hoffnung auf diplomatische Lösungen, doch die aktuelle Situation lässt kaum Spielraum für schnelle Einigungen.

Quelle: Automotive News – Canadian Prime Minister-designate Mark Carney says tariffs to stay until U.S. shows ‘respect’ / The New York Times – Trump’s Tariffs on Steel and Aluminum Go Into Effect

worthy pixel img
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Politik

Senatoren fordern: Keine chinesischen Autowerke in den USA

Senatoren fordern: Keine chinesischen Autowerke in den USA

Sebastian Henßler  —  

Drei US-Senatoren fordern von Trump ein vollständiges Verbot chinesischer Autowerke in den USA – und wollen auch den Umweg über Mexiko und Kanada schließen.

Elektro-Lkw gewinnen europaweit an Fahrt

Elektro-Lkw gewinnen europaweit an Fahrt

Michael Neißendorfer  —  

Ein klarer politischer Rahmen, gezielte Förderung und der Ausbau der Ladeinfrastruktur treiben die Verbreitung voran – von Land zu Land sehr unterschiedlich.

IG Metall warnt vor Wiederholung des Solar-Debakels

IG Metall warnt vor Wiederholung des Solar-Debakels

Sebastian Henßler  —  

Die Autoindustrie baut massiv Stellen ab. IG-Metall-Chefin Christiane Benner erklärt, was sie von EU, Bundesregierung und Unternehmen erwartet.

Sixt-Chef: EU-Elektroquote kommt fünf Jahre zu früh

Sixt-Chef: EU-Elektroquote kommt fünf Jahre zu früh

Sebastian Henßler  —  

Sixt kritisiert die EU-Elektroquote für gewerbliche Flotten scharf – und erklärt, warum Brüssel das Verbrenner-Aus faktisch verschärft, statt es abzuschwächen.

Start der neuen E-Auto-Förderung verzögert sich

Start der neuen E-Auto-Förderung verzögert sich

Daniel Krenzer  —  

Die neue E-Auto-Prämie gilt rückwirkend, doch Anträge sind erst ab Mai möglich. Und auch die genauen Förderbedingungen bleiben unklar. Das sorgt für Kritik.

Iran-Krieg bedroht auch die Elektroauto-Produktion

Iran-Krieg bedroht auch die Elektroauto-Produktion

Daniel Krenzer  —  

Der Krieg im Iran blockiert Aluminium-Lieferungen durch die Straße von Hormus. Das betrifft vor allem Elektroautos.

Iran-Krise: Dieselkosten steigen monatlich um 1210 Euro pro Lkw

Iran-Krise: Dieselkosten steigen monatlich um 1210 Euro pro Lkw

Michael Neißendorfer  —  

Die Treibstoffkosten für Diesel-Lkw steigen deutlich mehr als für E-Lkw – ein weiteres Argument für die Abkehr von fossilen Treibstoffen.