Energie-Expertin: „Ziele reichen nicht – wir müssen handeln!“

Energie-Expertin: „Ziele reichen nicht – wir müssen handeln!“
Copyright:

Symbolbild | shutterstock / Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 614242199

Wolfgang Plank
Wolfgang Plank
  —  Lesedauer 3 min

In Sachen Klimaschutz stellt die Energie-Ökonomin Claudia Kemfert der Politik ein schlechtes Zeugnis aus. „Die Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung reicht nicht aus„, sagt die Professorin in einem Interview mit der Ausburger Allgemeinen. Die Wissenschaftlerin leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Grundsätzlich habe die Welt nicht genug getan, um den Klimawandel aufzuhalten, so Kemfert. Das Problem sei seit 40 Jahren bekannt. Mit Zielen allein erreiche man aber nichts. „Wir müssen endlich ins aktive Handeln kommen.“ Auch die CO2-Steuer in Deutschland sei ja nicht aus eigenem Antrieb erfolgt, sondern nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die Lasten des Klimaschutzes nicht immer bloß künftigen Generationen aufgebürdet werden dürften.

Erster entscheidender Punkt ist nach Kemferts Ansicht eine Vervierfachung des jetzigen Ausbautempos bei erneuerbaren Energien. Dafür brauche Deutschland Solarenergie auf allen Dächern und mehr Windenergie – auch in Bayern. Neue Windräder seien zwar höher, könnten aber auch deutlich mehr Strom produzieren. Sie sollten an vorhandenen Standorten nicht nochmals komplizierte Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen, fordert die Professorin. Das Energiesystem der Zukunft müsse flexibel, intelligent und dezentral sein.

Der zweite wichtige Punkt sei die Verkehrswende, so Kemfert. „Wir müssen Gleise bauen statt Straßen. Flankieren kann man dies mit einem Bündel an Maßnahmen, von der Pkw-Maut, einer Quote für Elektrofahrzeuge über ein Tempolimit auf Autobahnen bis hin zu höheren Diesel-Steuern.“ Und drittens gehöre zum Klimaschutz die Transformation der Industrie – etwa über grünen Wasserstoff. Insgesamt, so Kemfert, sei eine Vollversorgung Deutschlands mit erneuerbaren Energien möglich.

Fossile Energie werde sehr ineffizient genutzt, heißt es in dem Interview. Im Verbrennungsmotor gingen 60 bis 80 Prozent der Energie ungenutzt verloren. Mit Ökostrom im E-Auto, auf der Schiene oder mit Wärmepumpen erhöhe sich die Effizienz massiv. Aber eben nur dann. Kemfert: „Wenn wir dagegen davon träumen, alle Fahrzeuge und Heizungen im Land mit synthetischen Kraft- und Heizstoffen zu betreiben, die mithilfe von Ökostrom erzeugt wurden, dann kommen wir in der Tat zu einer Vervierfachung bis Versechsfachung des Strombedarfs. Das ist nicht sinnvoll und ökonomisch nicht effizient.

Ein CO2-Preis allein könne den Umstieg nicht regeln, so die Professorin. Es werde eine starke Steuerung durch den Staat nötig sein. Ansonsten müssten der Preis bei 200 Euro pro Tonne CO2 liegen – aktuell sind es 25 Euro für Heiz- und Kraftstoffe. Die Benzinpreise würden dann um rund 50 Cent pro Liter steigen. „Die FDP suggeriert, dass ein CO2-Preis dem Klima hilft, dieser soll aber niedrig sein. Ein niedriger CO2-Preis entfaltet aber keine Lenkungswirkung.

Zusätzlich fordert Kemfert einen Kohleausstieg bis 2030. Es gebe bislang aber nur wenige Politikerinnen und Politiker, die dies offen aussprächen. „Mit einem Kohleausstieg 2038 werden wir die eben vereinbarten Klimaziele nicht erreichen.“ Strom sei nach wie vor zu teuer, fossile Energie dagegen zu billig. Diese Unwucht müsse in einer Energiesteuer- und Abgabenreform beseitig werden – etwa durch die Senkung der EEG-Umlage.

Durch eine jährliche Klimaprämie pro Kopf ließen sich soziale Probleme vermeiden, so Kemfert. Damit ließe sich der CO2-Preis komplett zurückerstatten. Bei einem CO2-Preis von rund 80 Euro pro Tonne könnte man mit über 130 Euro pro Jahr und Empfänger rechnen. Zugute kommen würde das Geld vor allem den einkommensschwachen Haushalten, die am wenigsten Treibhausgase verursachen, aber die am meisten Leidtragenden sind. Die von der Bundesregierung beschlossene erhöhte Pendlerpauschale weiter zu erhöhen, bevorteile dagegen Empfängerinnen und Empfänger mittlerer und hoher Einkommen.

Quelle: Augsburger Allgemeine – „Die Welt hat nicht genug getan“

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Wolfgang Plank

Wolfgang Plank

Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

T&E-Chef Bock: Krise der deutschen Autoindustrie ist hausgemacht

T&E-Chef Bock: Krise der deutschen Autoindustrie ist hausgemacht

Tobias Stahl  —  

Nicht die Belegschaft und auch nicht die EU-Vorgaben sind Schuld an der Misere der europäischen Autoindustrie, meint T&E-Chef Bock – sondern die Chefetagen.

Schaeffler kappt E-Auto-Ziele nach US-Förderstopp

Schaeffler kappt E-Auto-Ziele nach US-Förderstopp

Sebastian Henßler  —  

Schaeffler senkt seine Umsatzziele bis 2028 deutlich, weil der Wegfall der E-Auto-Förderung in den USA das Geschäft rund um Vitesco stärker bremst als erwartet.

Batterieabhängigkeit kostet Europa bis 150 Milliarden Euro

Batterieabhängigkeit kostet Europa bis 150 Milliarden Euro

Sebastian Henßler  —  

Eine neue Deloitte-Studie zeigt, dass Europas Automobilindustrie bis 2030 bis zu 150 Milliarden Euro an Wertschöpfung verlieren könnte.

Hankooks Reifen der Zukunft: luftlos, farbig, abbaubar

Hankooks Reifen der Zukunft: luftlos, farbig, abbaubar

Sebastian Henßler  —  

Luftlos, transparent, biologisch abbaubar: Hankooks Konzeptreifen bricht mit allen Konventionen. Was heute schon geht und was fehlt, bis er serienreif ist.

Automobilindustrie vor Tabubruch: Müssen deutsche Werke bald China-Autos bauen?

Automobilindustrie vor Tabubruch: Müssen deutsche Werke bald China-Autos bauen?

Daniel Krenzer  —  

VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnt vor gefährdeten Werken in Deutschland. Kooperationen mit chinesischen Herstellern könnten helfen, Jobs zu sichern.

Bosch-Betriebsrat fordert Taskforce für Autoindustrie

Bosch-Betriebsrat fordert Taskforce für Autoindustrie

Sebastian Henßler  —  

Nach den Protesten bei Mercedes-Benz fordert Bosch eine Taskforce. Auch beim Volkswagen-Konzern sollen laut IG Metall Beschäftigtenaktionen folgen.

Krankenstand bei Automobilzulieferern auf Rekordniveau

Krankenstand bei Automobilzulieferern auf Rekordniveau

Daniel Krenzer  —  

Bei Automobilzulieferern steigt der Krankenstand laut AOK auf 8,94 Prozent. Besonders psychische Fehlzeiten nehmen demnach zu.