Deutschland der „Top-Produktionsstandort“ für Elektroautos in Europa

Deutschland der „Top-Produktionsstandort“ für Elektroautos in Europa
Copyright:

shutterstock / Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 524209339

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Prof. Dr. Werner Olle vom Chemnitz Automotive Institute (CATI) hat mit dem Fachblatt Springer Professional über den Strukturwandel in der Automobilindustrie, eine in diesem Zusammenhang erarbeitete Studie sowie die Rolle der Zulieferer gesprochen. Bereits mit dem Titel der Studie „Elektromobilität trotzt der Automobilkrise“ werde die Botschaft signalisiert, „dass 2020 eine nachhaltige Trendwende zur Elektromobilität in Europa begonnen hat“, sagt Olle zu Beginn des Interviews. Das Jahr 2020 aber sei „erst ein Anfang“.

Olle hat in seiner Studie die für die kommenden Jahre zu erwartende Produktion von Elektroautos, die Produkt-, Kapazitäts- und Werksplanungen aller in Europa produzierenden Automobilhersteller untersucht. „Die Ergebnisse zeigen, dass sich bereits bis 2022 die Anzahl der Produktionsstandorte für Elektroautos auf mehr als 35 Standorte verdoppeln wird, an denen 1,2 Millionen voll-elektrische Pkw produziert werden“, sagt Olle. Gegenüber dem Stand von 2019 bedeute dies eine Vervierfachung der Produktionskapazitäten. Bis 2025 geht er von einem weiteren Anstieg der Jahresproduktion auf europaweit gut 2,2 Millionen Fahrzeuge aus.

Deutschland werde dabei, so Olle, „der Top-Produktionsstandort für Batterie-elektrische Pkw in Europa, mit einem Anteil von über 50 Prozent“. Das liege unter anderem daran, dass mit dem VW-Werk in Zwickau und der Gigafactory von Tesla in Grünheide die beiden größten europäischen Werke zur Produktion von Elektroautos in Deutschland beheimatet seien.

Neben Batterie-elektrischen Antrieben sei aber auch die Wasserstoff-Technologie „in Deutschland und Europa eine wichtige Zukunftstechnologie“ so Olle. Denn „nicht nur die Fahrzeuge müssen klimafreundlicher werden, sondern auch die gesamte Wertschöpfungskette“, erklärt er. Es gebe „eine Vielzahl von stationären Anwendungen für Wasserstoff insbesondere in den energieintensiven Produktionsbereichen wie zum Beispiel bei der Stahlerzeugung“. Auch in einigen Mobilitätsbereichen „wie bei schweren Nutzfahrzeugen, Eisenbahnen oder Schiffen hat die Wasserstoff-Technologie sehr gute Perspektiven.“

„Die Automobilhersteller müssen sich neu definieren“

Der umfassende automobile Strukturwandel, der gerade stattfindet, sei „eine immense Herausforderung“ für die Automobilindustrie. Er zwinge die Hersteller „auf der einen Seite zur Bestandssicherung durch Optimierung von Produkten und Prozessen“, andererseits aber auch „zur raschen Realisierung von Zukunftstrends wie der Elektromobilität, der Digitalisierung sowie weiteren Entwicklungsstufen“ beim autonomen Fahren. Dieser Spagat zwischen den Welten lasse sich in drei Dimensionen einteilen: „Investitionen, Plattform, Kernkompetenzen“.

Die Investitionen in die Zukunftstrends belaufen sich „auf bisher in der Branche nicht dagewesene Summen“, so Olle weiter. Um diese zu ermöglichen, seien „insbesondere bei der Bestandssicherung Investreduzierungen erforderlich, zum Beispiel durch Reduzierung von Komplexität, und in den Zukunftsfeldern vielfältige Kooperationen und Zusammenschlüsse von Herstellern“. Als Beispiele führt der Professor die Kooperation von VW und Ford beim Elektroauto-Baukasten MEB oder die Fusion des PSA-Konzerns mit Fiat Chrysler zum weltweit viertgrößten Autohersteller Stellantis an.

Die Automobilhersteller müssen sich neu definieren“, sagt Olle. Denn nur Hardware-Produzent zu sein, werde „der Zukunft Automobil nicht mehr gerecht“. Die Hersteller müssen „parallel und mit hohem Zeitdruck neue Kernkompetenzen“ aufbauen, „insbesondere in den Bereichen Elektronik und Software aber auch für neue Services für die Nutzer“. Der Strukturwandel treffe auch die Zulieferer, in unterschiedlichen Ausprägungen. „In Abhängigkeit von dem jeweiligen Produkt- und Technologieportfolio der Zulieferer“ werde es „Gewinner und Verlierer geben“, so Olle. Die Corona-Pandemie habe diesen Prozess sogar noch verschärft, da finanzielle Mittel mitunter weniger werden, sich die Transformation gleichzeitig aber beschleunige.

Es sei ein Fakt, dass „der Trend zur Elektromobilität begonnen hat und sich nachhaltig ausbreiten wird“, erklärt Olle. Es sei für Automobilzulieferer und Unternehmen mit Automobilbezug „höchste Zeit, sich auf diese Entwicklung einzustellen.

Quelle: Springer Professional – „Der automobile Strukturwandel ist eine immense Herausforderung“

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

Tozero gewinnt in Bayern Lithium aus alten Batterien zurück

Tozero gewinnt in Bayern Lithium aus alten Batterien zurück

Sebastian Henßler  —  

Tozero verarbeitet jährlich 1500 Tonnen Batterieabfälle und gewinnt daraus Lithium, Graphit und Nickel-Kobalt zurück. Die Kosten liegen unter Bergbauniveau.

Mehrheit der Deutschen wünscht sich bessere Förderung für E-Autos

Mehrheit der Deutschen wünscht sich bessere Förderung für E-Autos

Michael Neißendorfer  —  

Eine aktuelle Befragung zeigt: Die Deutschen wechseln verstärkt vom Verbrenner zum Elektroauto – und fordern von der Politik mehr Initiative für E-Mobilität.

SolidCore: Was hinter MGs Batterieversprechen steckt

SolidCore: Was hinter MGs Batterieversprechen steckt

Sebastian Henßler  —  

MG will als erster Automobilhersteller eine Semi-Solid-State-Batterie in Großserie nach Europa bringen. Der Hochlauf läuft, doch manche Fragen bleiben offen.

Experten und Verbände watschen „Klimaschutz“-Programm der Regierung ab

Experten und Verbände watschen „Klimaschutz“-Programm der Regierung ab

Michael Neißendorfer  —  

Verbände und Experten lassen kein gutes Haar am neuen „Klimaschutzprogramm“ der Bundesregierung. Wirklich neues habe es gar nicht zu bieten.

VDIK: Ladeinfrastruktur entscheidet über E-Auto-Hochlauf

VDIK: Ladeinfrastruktur entscheidet über E-Auto-Hochlauf

Sebastian Henßler  —  

VDIK-Präsidentin Labbé schlägt eine staatliche Ladekarte mit Guthaben vor. Damit ließen sich Tarifchaos und umständliches Laden auf einen Schlag beseitigen.

Streit im ADAC: Technologieoffenheit findet keine Mehrheit

Streit im ADAC: Technologieoffenheit findet keine Mehrheit

Daniel Krenzer  —  

Alles auf Elektromobilität oder neutrale Haltung zu allen Antriebsformen? Im größten deutschen Automobilclub gibt es einen Richtungsstreit.

Lyten plant 1000 Jobs auf Northvolt-Gelände bei Heide

Lyten plant 1000 Jobs auf Northvolt-Gelände bei Heide

Sebastian Henßler  —  

Das US-Unternehmen Lyten will auf dem Northvolt-Gelände bei Heide rund 1000 Jobs schaffen und 2028 die Produktion mit grüner Energie starten.