Was Investor Frank Thelen zur deutschen Elektroauto-Strategie zu sagen hat

Was Investor Frank Thelen zur deutschen Elektroauto-Strategie zu sagen hat

Copyright Abbildung(en): Frank Thelen

Frank Thelen ist einer der bekanntesten Tech-Investoren Deutschlands. Vor kurzem machte er mit kritischen Aussagen zur Zukunft der Autobranche auf sich aufmerksam. These: Die deutschen Hersteller haben keine Zukunft. In einem auf dem Unternehmensblog von Volkswagen veröffentlichten Interview spricht Thelen über den Wettbewerb mit Tesla, die Vorteile von Elektroautos und wie sich die deutschen Autohersteller besser für die Zukunft rüsten können. Das Gespräch ist Auftakt zu einer neuen Serie, in der der Hersteller mit weiteren unabhängigen Köpfen über die Zukunft der Mobilität diskutieren will.

Seine Kritik an der deutschen Autoindustrie komme „aus einer gewissen Frustration“, so Thelen. Er wünsche sich „ein starkes Europa mit starken Konzernen und erfolgreichen Hidden Champions.“ Allerdings sehe er „gerade in der Autobranche aber große Parallelen zum Niedergang der Fotoindustrie. Unternehmen wie Agfa, Kodak und Fujifilm hatten ihr stabiles Geschäft und haben dann die Digitalisierung verschlafen. Am Ende hatten sie das digitale Foto zu 100 Prozent verloren.“ Einen ähnlichen Niedergang befürchtet Thelen für die deutschen Autohersteller, sollten sie Zukunftstechnologien wie E-Mobilität oder Digitalisierung verschlafen.

Thelen gehe es dabei gar nicht um Milliarden-Beträge für Forschung und Entwicklung sowie Personal und die Werke, „sondern um First-Principle-Thinking, wie wir es von Elon Musk kennen“. Die Fragen hierbei müssten lauten: „Wer hat die beste und günstigste Batterie, den besten E-Antrieb, die meisten Daten, die leistungsfähigsten Chips, und wer hat eine Ladeinfrastruktur?“ Thelen vermisst beispielsweise „ein Batterieforschungsprojekt, in dem die deutsche Autoindustrie führend ist“.

Volkswagen entgegnet, dass es auch positive Beispiele gebe: Mit der US-Firma QuantumScape arbeite der Hersteller an der Großserienproduktion von Festkörperbatterien. Im vergangenen Jahr wurde in Salzgitter das Center of Excellence eröffnet, wo 300 Experten verbesserte Fertigungsverfahren für Lithium-Ionen-Akkus entwickeln. Und in wenigen Jahren soll ebenfalls in Salzgitter eine Gigafabrik mit der Produktion von Batteriezellen starten. „Das wäre ein super Schritt“, sagt Thelen. „Vorausgesetzt, dieses Excellence-Cluster zieht herausragende Talente an und ist mit dem nötigen Budget ausgestattet.

„Die Elektromobilität kommt“

Dass die Batteriefertigung ein Zulieferthema ist, wie Thelen es von einem deutschen Autohersteller gehört habe, sei „eine völlig falsche Denke“, da die Batterie bei einem Elektroauto „den größten Teil der Wertschöpfung“ ausmache. Tesla ist auch hier weiter, „die bauen ihre dritte Batteriefabrik“, so der Investor. Ähnlich sehe es bei den Chips für autonome Fahrfunktionen aus. „Auch da hat Tesla einen riesigen Vorsprung – selbst vor tollen Unternehmen wie Nvidia. Oder reden wir über Ladeinfrastruktur: Wann will die deutsche Autoindustrie etwas anbieten, das dem Super-Charger-Netzwerk von Tesla ebenbürtig ist?

Mit dem Gemeinschaftsunternehmen IONITY, mit dem mehrere deutsche Hersteller gerade ein Schnellladenetz mit 400 Ladeparks an den europäischen Autobahnen aufbauen, setze Volkswagen zwar „richtige Impulse“, findet Thelen. Fakt sei aber auch: „Ein amerikanisches Unternehmen ist zu uns gekommen und hat ein Ladenetz aufgebaut, mit dem ich problemlos durch Deutschland fahren kann. Wir dagegen hatten immer neue Gesprächsrunden, sogar im Kanzleramt. Passiert ist viel zu wenig. Ich hoffe, man kann nachvollziehen, dass mich das frustriert.“

Denn fest stehe: „Die Elektromobilität kommt.“ Man müsse sich fragen, was die entscheidenden Eigenschaften eines Elektroautos sein sollten: Für Thelen sind es „die Energiedichte, der Preis der Batterien, die Zahl der Ladezyklen, der E-Antrieb. Dabei schneiden viele deutsche Autos schlecht ab“, so sein Urteil.

„Mit Hyperloop können wir mehr Städte anbinden als mit dem Zug“

Thelens Vision von künftiger Mobilität hat aber nicht nur Automobile im Blick. Der Investor ist unter anderem am Hyperloop-Start-up Hardt beteiligt, das eine Art Reisekapsel mit bis zu 1000 km/h durch eine luftleere Röhre schießen will. Technisch machbar, aber bei Hyperloop sei „der Aufbau eines Streckennetzes die größte Herausforderung.“ Thelen wünscht sich deshalb 20 bis 30 Milliarden Euro an Bundesmitteln für ein Hyperloop-Netzwerk: „Damit können wir mehr Städte anbinden als mit dem Zug. Wir haben hier als Europa die Chance, die Hyperloop-Nation zu werden und die Technik weltweit zu exportieren.“

Bei allen Überlegungen zur Mobilität der Zukunft sei eine Sache entscheidend: „Wir müssen aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen. Mit dem Öl-Zeitalter haben wir einen riesigen Fehler gemacht – den muss die Menschheit schnell korrigieren.

Quelle: Volkswagen — „Mit dem Öl-Zeitalter haben wir einen riesigen Fehler gemacht“

Über den Autor

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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Hr. Thelen hat meist eine einfache und direkte Beurteilung. Rechnet man Kohle zum Öl, dann hat der Wirtschaftsstandort D kaum eine vervrennunfsfreie Zukunft? Also Kohle, Öl u Kernkraft „weg“!? Was ist dann noch über an Strom? Der reicht dann nicht mal mehr aus für die Bereiche ohne eMobikität. Also ist derzeit auch mit Tesla KEINE Korrektur des „Fehlers“ möglich. In D wäre es nur eine Verlagerung der Verbrennung – und das mit riesigem Aufwand bei Verbrauch von wertvollen Ressourcen. – Das versuchten viele schon vor 30 Jahren mit E-Heizungen in den Wohnungen. Wärmespeicher? Die waren auch bekannt dafür, dass sie kalt waren, wenn man die außer der Regel brauchte.

Ich vertraue auf die deutschen Ingenieure und hoffe, dass unsere Autoindustrie wieder an der Spitze stehen wird.

Der Mann spricht mir aus dem Herzen. Schlafen und dann den Staat um Unterstützung anbetteln ist keine Strategie. Aber mit den neuen Anbietern müssen ja nicht alle Arbeitsplätze verloren gehen. Neue kommen – mit neuen Markennamen. Ich bin ein early Adaptor und interessire mich für neues. Eine Basistechnologie die 100 Jahre und mehr alt ist, hat keinen Daseinsanspruch mehr. Strom gibts zwar auch schon lange, aber mit den neuen Speichertechnologien gibt es eine Vielzahl neuer Anwendungsmöglichkeiten. Ohne Batterien geht’s nicht liebe Deutsche. Und wer Batterien hinzukaufen will erhält immer die Ausschussware.

Die deutschen ingeneure wandern scharenweise zu innovativen Firmen wie Tesla ab, wenn die Giga Berlin noch in diesem Jahr in Bau geht, werden die deutschen Hersteller dumm aus der Wäsche gucken!

Auch Kodak hatte weitsichtige Ingenieure. Haben sie kaltgestellt. Dazu eine aktuelle Titelzeile: Autoverband VDA: Wasserstoff und E-Fuels wichtig für klimaneutralen Verkehr.
Irgendwie sieht es gar nicht so aus, als ob die was kapiert haben.

Daumen hoch für die Sichtweise des Herrn Frank Thelen.
@Markus Doessegger hat es gut getroffen.
Wer sagte nochmal: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit? (Neckermann?)
Die Akkus werden besser, die Ladeinfrastruktur wird besser, die E-Autos werden günstiger, aber leider nicht bei den deutschen Herstellern, das sehe ich genauso. Tesla ist z.Zt. das Maß der Dinge!
Der E-Techniker

Spezielle Branchenkompetenzen kann man nur sehr schwer aufbauen, wenn sich anders wo schon Hotspots dafür gebildet haben. Sei es das Silicon Valley für Software oder Shenzhen für Elektronik. Motivierte und innovative Menschen wandern automatisch zu solchen attraktiven Regionen.
Je länger man das verschläft, um so schwieriger wird es.

An Hyperloop wird doch bereits mit Elon Musks Unterstützung in den USA geforscht. Wieso sollten wir hier ein Netzwerk davon aufbauen und somit lediglich seine Vision des zukünftigen Personentransports übernehmen? Dadurch forcieren wir doch nur seine Monopolstellung?

Mal noch was zu unseren „Stromgiganten“.
Wir fahren seit einem Jahr den Tesla 3 und sind total begeistert. Meistens laden wir über unsere Solaranlage oder über unseren Stromanbieter – mit 16cent je KWh. Am Supercharger müssen wir schon 32-34 cent bezahlen. Ok – Musk will seine Investitionen zurück.
Aber nun kommst.
Ich wollte „unsrer deutsche Ladestruktur“ ausprobieren. Bis zu
0,86cent je kWh und selbst nach Anmeldung noch 0,49 Cent. Gehts noch ? Millionen staatlicher Förderung und dann kriegen sie die Taschen wieder nicht voll genug. Noch bevor die ersten deutschen E-Autos funktionieren.
Was zahlen noch mal Großkunden?
0,09 Cent ? Und Strom sparen dürfen die auch nicht, sonst verlieren sie die Toptarife.
Energiewende und deutsche E-Autos ? So nicht.
Und deshalb fahre ich nach 20 Jahren Mercedes – nun TESLA.

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