UBA-Chef Messner: Corona kann „Beschleuniger für Klimaschutz“ sein

UBA-Chef Messner: Corona kann „Beschleuniger für Klimaschutz“ sein

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Dirk Messner, seit Januar Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), sprach in einem ebenso langen wie auch interessanten Interview mit dem Magazin Electrified und der Autogazette über die Corona-Krise als „Beschleuniger für Klimaschutz und Nachhaltigkeitstransformation“, die Energiewende und die Herausforderungen bei der Dekarbonisierung des Mobilitätssektors.

Aktuell stelle sich, so Messner, „die Frage, ob die Coronakrise so etwas wie ein Kristallisationspunkt ist“. Es gehe nun darum, „wie wir die unglaublichen Mittel der Konjunkturpakete in Deutschland, Europa und weltweit einsetzen und nachhaltig aus der Krise zu kommen.“ Allein die G20-Staaten investieren dem UBA-Chef zufolge „12 bis 20 Billionen US-Dollar bis Mitte 2021, um die Folgen von Corona zu bekämpfen.“ Wie und wo dieses Geld eingesetzt werde, entscheide „auch darüber, wie wir die Klima- und Umweltproblematik voranbringen.“

Messner begrüßt es, dass Umweltaspekte im deutschen und europäischen Konjunkturpaket berücksichtigt wurden. Auf der europäischen Ebene, mit bis zu 750 Milliarden Euro an Finanzhilfen, sei „die Message ganz klar: wir bekämpfen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise mit dem Green Deal. Da machen wir keine Abstriche.“ In der aktuellen Situation stünden „Klima- und Nachhaltigkeitsfragen, in Verbindung mit dem digitalen Wandel, im Zentrum der Diskussion – sie werden als Modernisierungsherausforderungen begriffen.“ Jetzt gehe es darum, wie sich „Klima- und Nachhaltigkeitsfragen mit den wirtschaftlichen Erholungspaketen verbinden. Da hat sich im Diskurs der Gesellschaft radikal etwas geändert. Darüber bin ich froh.“

Allerdings müsse, was „in Normalzeiten über die nächsten fünf, sechs Jahre“ geplant worden wäre, „jetzt im Zeitraffer passieren“. Außerdem brauche „Europa jetzt neue Klimaschutzziele und die werden bis Ende des Jahres verabschiedet werden müssen. Diese beiden Dinge stehen im Zentrum der deutschen Ratspräsidentschaft“, erklärt Messner. Die Corona-Krise könne „ein Beschleuniger für Klimaschutz und Nachhaltigkeitstransformation werden, wenn wir einen signifikanten Teil der Gelder in die richtige Richtung lenken.“

Bei den erneuerbaren Energien, die aktuell einen Anteil von gut 50 Prozent der Stromerzeugung ausmachen, sei das Ausbautempo „nicht schnell genug“, um die Klimaziele zu erreichen, kritisiert Messner: „Das UBA hat ausgerechnet, dass wir beim Wind zu einer Verdoppelung bis zu einer Verdreifachung beim Zubau kommen müssen, damit wir unsere Ziele erreichen“, so Messner. Neben dem nötigen Ausbau der Erneuerbaren sei „die schwierige Aufgabe – und das hat auch mit gesellschaftlichen Konflikten zu tun – wie wir aus den Fossilen rauskommen, vor allem der Kohle.“ Der UBA-Chef glaubt sogar, dass der eigentlich für 2038 geplante Kohleausstieg schon früher passiert, da Strom mit erneuerbaren Energien deutlich günstiger produziert werden kann: „Wenn ich mir die Preisrelationen anschaue, die sich herausbilden und Kohle wettbewerbsschwächer wird, könnten wir 2033 aus der Kohle raus sein“, so der UBA-Chef.

„Die Zukunft ist Elektrifizierung, raus aus dem Verbrenner“

Dass Fahrzeuge mit Verbrenner im deutschen Konjunkturpaket leer ausgingen, sei ein „eindeutiges“ Signal, so der UBA-Präsident: „die Zukunft ist Elektrifizierung, raus aus dem Verbrenner – auch der Mobilitätssektor muss dekarbonisiert werden. Das war ein wichtiger Hinweis“. Die Richtung des Wandels sei nun klar.

Es gebe „drei große Veränderungstrendsin der Auto- und Mobilitätsindustrie und Deutschland sei „an keinem dieser drei Veränderungstrends als Treiber beteiligt“, bemängelt Messner. Bei der Elektrifizierung sei Deutschland „hinten dran“, man brauche nur „Tesla als Vorreiter nehmen, aber auch chinesische und japanische Autounternehmen haben mehr vorzuweisen.“ Der zweite Trend — Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Autonomes Fahren — bestehe daraus, „dass die Automobile der Zukunft vielleicht eher fahrende PCs und Digitalmodelle sind denn klassische Autos. Da spielen die Googles dieser Welt eine zentrale Rolle“, so Messner. Drittens gehe es um Mobilitätssysteme als Ganzes betrachtet: „Also darum, wie wir künftig Menschen und Güter von A nach B bekommen. Wie wollen wir unsere Städte verändern, wie die Zahl der Autos in den Städten reduzieren und die Städte lebenswerter machen? Wie können wir mit weniger Autos eine ausreichende Menge an Mobilität nutzen?“ In den Feldern allerdings, „in denen die deutsche Autoindustrie ihre Stärken hatte, spielt sich nicht die Zukunft ab.“

Die autogerechte Stadt kann „nicht der Endpunkt zivilisatorischer Entwicklung sein“

Die deutsche Politik müsse nun „Beiträge dafür leisten, dass wir diese Systemveränderungen klug begleiten“, fordert der UBA-Chef. Das habe „mit Forschung und Entwicklung, das hat mit Städteplanung zu tun.“ Man müsse sich zum Beispiel fragen, warum „der Radverkehr in Stockholm, Utrecht und in Oslo deutlich wichtiger ist als bei uns in Berlin, Köln und in München?“ Messner habe festgestellt, dass „die Menschen doch ein Unbehagen spüren mit der autogerechten Stadt“, mit ihren vollgestopften Straßen, „mit den Dauerstaus, in denen wir Angst um unsere Kinder haben müssen und Autos und öffentliche Räume im harten Wettbewerb stehen“. Die autogerechte Stadt könne „nicht der Endpunkt zivilisatorischer Entwicklung sein“.

Dass mit dem Konjunkturpaket explizit die Ladeinfrastruktur für Elektroautos gefördert wird, findet Messner vernünftig und wichtig: „Solange wir keine vernünftige Ladeinfrastruktur haben, kommen wir auch nicht mit der Elektromobilität voran.“ Der UBA-Chef fände es auch sinnvoll, „Subventionierungen abzubauen“, wie etwa das Dieselprivileg. „Den Diesel gegenüber dem Benziner zu privilegieren ist nicht mehr zeitgemäß, das sollte schrittweise abgebaut werden.“ Insgesamt sollten sich „die ökologischen Kosten, die Automobilität erzeugt, auch in den Preisen widerspiegeln“. Eine „Verteuerung von Automobilität“ sei aber nur dann sinnvoll, „wenn man gleichzeitig die sozialen Folgen abfedert und den öffentlichen Nahverkehr und den öffentlichen Verkehr attraktiver macht.“

Quelle: Electrified — „Die Zukunft ist Elektrifizierung, raus aus dem Verbrenner“

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Corona kann Beschleuniger vom Klimaschutz sein? Richtig dies tut es schon. ‚

Ärgerlich an Corona ist aber, dass unsere Regierung das Klimaziel erreichen könnte ohne etwas Positives dafür getan zu haben. Die Umweltverschutzung in der DDR wurde ab 1990 auch extrem reduziert. Ist ja auch einfach, wenn man die Industrie platt macht.

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