„Der Klimavorsprung von E-Autos ist deutlich gewachsen“

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Wie kann Politik die Dekarbonisierung der Mobilität voranbringen? Mit dieser Frage haben sich 15 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von drei renommierten Forschungsinstituten zwei Jahre lang beschäftigt. Beteiligt: das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und das Paul Scherrer Institut (PSI). Unterstützt wurde das Projekt durch den unabhängigen Nachhaltigkeitsbeirat von Volkswagen. In einem von dem Autohersteller veröffentlichten Interview erklären Nicolas Koch (MCC) und Christian Bauer (PSI) die Ergebnisse.

Über Klimaschutz und Mobilität wurde schon viel geforscht – was genau war das Ziel Ihres Projekts?

Koch: Die Projektidee ist vor rund drei Jahren entstanden. Damals wurde immer deutlicher: Die Transformation des Automobilsektors könnte viel schneller gehen als gedacht. Zum einen wurden Batterien für Elektroautos immer günstiger. Neue Player aus China und den USA forderten etablierte Hersteller heraus. Zum anderen rückte der Verkehrssektor in der Dieselkrise weit nach oben in der klimapolitischen Agenda. Städte machten mit Fahrverboten und Mautsystemen lokale Verkehrspolitik. Was fehlte, waren Leitlinien für ein stimmiges Gesamtkonzept. Genau dafür wollten wir eine wissenschaftliche Grundlage schaffen.

Der Volkswagen Nachhaltigkeitsbeirat unterstützt das Projekt. Wie kann man sich die Zusammenarbeit vorstellen?

Koch: Es gab etliche gemeinsame Workshops mit dem Beirat und Nachhaltigkeitsexperten von Volkswagen. Uns Wissenschaftlern hat das sehr geholfen, um die Entscheidungsprobleme von Unternehmen und Politikern besser zu verstehen. Wir wollen ja nicht im Elfenbeinturm forschen – unsere Ergebnisse sollen gesellschaftlich relevant sein. In Kurzdossiers haben wir deshalb zu ausgewählten Entscheidungsproblemen unsere wichtigsten Erkenntnisse auf wenigen Seiten zusammengefasst. Darin finden Entscheider Antworten auf ihre Fragen – und was sie aus unserer Sicht darüber hinaus wissen sollten.

Bauer: Die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen war vor allem hilfreich, um unsere Daten und Annahmen mit der Praxis abzugleichen – zum Beispiel bei der Berechnung von Ökobilanzen. Trotz Kooperation war immer klar, dass wir unabhängig arbeiten und keine Auftragsforschung betreiben.

Wie können Ihre Erkenntnisse die Klimadebatte weiterbringen?

Koch: Sie können dazu beitragen, Diskussionen zu beruhigen und stärker an Fakten zu orientieren. Das gilt für viele kontroverse Fragen: Wie können wir nachhaltige Mobilitätsentscheidungen für Verbraucher attraktiv machen? Brauchen wir Mautsysteme und Fahrverbote? Welche Fahrzeugtechnologien sind am umweltfreundlichsten? Bei all diesen Themen haben wir teils hitzig geführte Debatten – losgelöst vom Stand der Wissenschaft.

Eine dieser Debatten dreht sich um die Klimabilanz verschiedener Antriebe. Wie sehen Ihre Erkenntnisse dazu aus?

Bauer: Für wirksamen Klimaschutz brauchen wir E-Autos. In der Wissenschaft ist diese Antwort schon länger klar. Es ist aber nicht gelungen, die Erkenntnis auch in der Öffentlichkeit ausreichend zu kommunizieren. Dadurch gibt es immer wieder Diskussionsbeiträge, die weitgehend frei sind von Sachkenntnis. Um es klar zu sagen: Wenn Europa 2050 klimaneutral sein will, dann darf zu diesem Zeitpunkt kein Verbrennungsmotor mehr auf der Straße sein – zumindest bei Personenwagen. Gleichzeitig müssen wir den Stromsektor von fossilen Energieträgern befreien.

Wie erklären Sie sich, dass gerade über die E-Mobilität so sehr gestritten wird?

Bauer: Ich sehe zwei Punkte. Zum einen gibt es den berechtigten Hinweis, dass E-Mobilität nur in Verbindung mit genügend CO2-armem Strom sinnvoll ist. Das ist unstrittig – der Umbau des Verkehrssektors und des Stromsektors müssen parallel stattfinden. Zum anderen nehme ich in der Autobranche immer noch große Vorbehalte gegen die Transformation wahr, weil Geschäftsmodelle und Produktpaletten komplett umgestellt werden müssen.

Koch: Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sehr Einzelstudien mit dem Tenor, dass E-Mobilität nicht sauber ist, im Wissenschaftsjournalismus ein Forum bekommen. Aus Wissenschaftssicht ist es gut, dass Einzelne den Kenntnisstand hinterfragen und neue Daten in die Diskussion einbringen. Aber Wissenschaftsjournalismus müsste das einordnen in die vorhandenen Erkenntnisse, die über Jahre entstanden sind. Das findet oft nicht statt.

Sie sagen: Wenn man Klimaneutralität will, führt an E-Mobilität kein Weg vorbei. Warum?

Bauer: Mit Benzinern und Dieselfahrzeugen wird man CO2-Emissionen nie vermeiden können, egal wie sparsam die Motoren sind. Im Gegensatz dazu haben E-Autos das Potenzial, die klimaschädlichen Emissionen drastisch zu senken. Der Schlüssel ist CO2-freier oder CO2-armer Strom. E-Autos haben heute in fast allen europäischen Ländern einen klaren Klimavorteil gegenüber Verbrennern. Nur Polen und Estland nutzen einen Strommix, mit dem Elektrofahrzeuge bei der Klimabilanz nicht im Vorteil sind.

Eine große Streitfrage lautet: E-Antrieb oder Wasserstoff – was ist Ihre Antwort?

Bauer: Ich würde Batterie- und Wasserstoffautos nicht gegeneinander ausspielen. Je nach Nutzungszweck ist das eine oder das andere sinnvoller. Ein großer Vorteil der Batterieautos besteht darin, dass sie den Strom im Betrieb effizienter nutzen – etwa um den Faktor 2,5. Das ist wichtig, denn erneuerbarer Strom ist knapp. Auch über den Lebenszyklus, einschließlich Herstellung, brauchen Batteriefahrzeuge weniger Energie als Wasserstoffautos. Wo es die Nutzung zulässt, sollten Autos deshalb batterieelektrisch fahren. Die Vorteile des Wasserstoffs, schnelles Tanken und hohe Reichweite, kommen besonders im Lkw-Verkehr zum Tragen, wo lange Distanzen mit hoher Beladung zurückgelegt werden.

Welche neuen Erkenntnisse nehmen Sie aus dem Forschungsprojekt mit?

Bauer: Der Klimavorsprung von E-Autos vor Verbrennern ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Das liegt an Fortschritten in der Batterieproduktion, an der längeren Lebensdauer der Batterien und am höheren Anteil erneuerbarer Energien in Europa. Im Vergleich zu Verbrennern braucht die Herstellung von E-Autos zwar immer noch mehr Energie. Das gleicht sich aber nach einigen Zehntausend Kilometern aus, sofern sauberer Strom geladen wird.

Koch: Unsere Forschung hat deutlich bestätigt, wie wichtig eine CO2-Bepreisung als politisches Instrument ist. Bisher setzt die Politik bei Pkw sehr stark auf Effizienzstandards. Das ist auch notwendig, um neue Technologien in den Markt bringen, bietet aber keinerlei Anreiz, die Fahrleistung zu reduzieren. Im Gegenteil: Wenn mein Auto sparsam fährt, habe ich sogar einen Anreiz, mehr zu fahren als bisher. Dieser Rebound-Effekt macht die Vorteile besserer Technologien teilweise zunichte.

Welche Forderungen an die Politik ergeben sich daraus?

Koch: Nehmen wir Deutschland: Der geplante CO2-Preisaufschlag für Benzin und Diesel ist ein guter Einstieg. Mittelfristig gibt es aber eine große Unsicherheit, wie sich die Preise weiterentwickeln. Das ist schädlich, weil es Investitionen verzögert. An dieser Stelle sollten wir nachbessern – am besten mit einer sektorübergreifenden europäischen Lösung. Übrigens ist es keineswegs so, dass ein CO2-Preis sozial ungerecht sein muss. Im Gegenteil: Ein großer Teil der Bevölkerung kann finanziell profitieren, wenn der Staat die Einnahmen nach einem gerechten System zurückgibt.

Bauer: Beim Ausbau der Ladeinfrastruktur sollte sich der Staat noch stärker beteiligen. Und er muss bessere Rahmenbedingungen für das Laden zuhause schaffen. Es kann ja nicht sein, dass mir die Miteigentümer in einem Mehrfamilienhaus die Installation einer Wallbox verbieten können.

Was erwarten Sie von Autoherstellern?

Bauer: Bei den Personenwagen brauchen wir einen kompletten Umstieg auf Batteriefahrzeuge. Wenn das alle Hersteller machen würden, wäre ein wichtiger Teil des Problems gelöst. Genauso wichtig ist es, dass bezahlbare E-Autos auf dem Markt sind. Mit Fahrzeugen für 100.000 Euro erreicht man keinen Masseneffekt.

Koch: Auch in der Wirtschaftskrise sollten wir nicht in alte Reflexe verfallen, wie es in der Diskussion über eine Abwrackprämie zu beobachten war. Eine Abwrackprämie für Verbrenner ist nicht hilfreich, um die Zukunft zu gestalten. Da sind andere Ansätze deutlich erfrischender.

Quelle: Volkswagen – Pressemitteilung vom 07.08.2020

Über den Autor

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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Schöner verschleiender Lobbyismus-Beitrag für VW, die voll auf elektro setzen. Das die erbschaftssteuerbefreite mercatorstiftung, in Einheit mit dem Pik auftaucht wundert mich eigentlich nicht. Da gibt es erstaunliche personelle Überschneidungen. Vermutlich versucht die inhaberfamilie der mercatorstiftung den langfristigen Kurs ihrer vw aktienbeteiligung gegenüber Tesla wesentlich zu verbessern.

Konsequent richte Antworten auf wichtige Fragen. Vielen Dank an die Redaktion.
@Peter griffin: die Erbschaftssteuer ist eine Neidsteuer!

Wie ich schon mehrfach hier geschrieben habe, hat Elektromobilität – falls überhaupt – nur eine Chance mit Wechselakkus (mit etwa 100 kWh Kapazität, 500 bis 1000 Volt Spannung, maximal 600 kg schwer, mit eingebautem Batterie-Management-System und Thermomanagement), die in Batteriewechselstationen getauscht werden, z.B. durch Durchschieben direkt über dem Autoboden. In den Wechselstationen fungieren die Batterien als virtuelle Speicherkraftwerke. Man würde aufgrund des Strompreisdifferentials zumindest gratis autofahren. Das System wurde vor vielen Jahren von der israelisch-dänischen Firma „Better Place“ eingeführt, die aber bald darauf – wohl aus guten Gründen – in Konkurs geschickt wurde…

Bis heute interessieren sich mind. 80% der Autofahrer weder um ihr Antriebssystem noch um den Klimawandel. Um hier einen Sinneswandel vom Zaun zu brechen geht es nur mit Gewalt von den Staatsregierungen. Da helfen Krisen wie Corona optimal mit. Also künftig weiter so mit Fahrverboten und Lock downs……………..etc.

Interessante Erkenntnis, dass nur 20% aller Menschen klug genug sind. Klar, dass diese 20% den anderen Vorschriften machen müssen. Aber erst, wenn Grün den Kanzler stellt.

Einen grünen Kanzler, meinen Sie das wirklich oder ist das ironisch gemeint? Wo waren und/oder sind die Grünen eigentlich wenn es um E-Mobilität geht? Wo sind denn die Grünen wenn es um die irrsinnigen Kreuzfahrten geht? Soll ich weiter fortfahren? Diese Partei ist schon lange nicht mehr grün und verdient ihren Namen nicht. Aber egal welche politische Richtung wir nehmen, Umweltschutz geht den meisten Politikern am Ar… vorbei, wenn ich da speziell an Frau Wagenknecht mit ihrem youtube-Video denke, jeder aber auch jeder Satz ist falsch was die E-Mobilität angeht. Wenn Corona uns alle nicht mehr trifft, dann wird wieder fleißig geflogen mehrmals im Jahr auch mal für ein längeres Wochenende, oder wieder eine Kreuzfahrt unternommen, uns ist der Dreck, den wir damit verursachen, völlig egal.
Der E-Techniker (E-Smart für die Stadt, Tesla Model S für die Strecke)

Seh ich ganz entspannt – Pferde wurden auch nicht über Nacht von Verbrennerfahrzeugen ersetzt. Heute sehe ich keinen mehr in die Arbeit reiten. Die ersten HPC-Lader werden in Innenstädten errichtet – Ladeabbruch dort nur noch von dem durchführbar, der diesen auch gestartet hat, 25 Cent pro kW an jeder CCS-Dose, bargeldlos mit nur einer Prepaidkarte bei einem Jahresdurchschnittsverbrauch von 13,5 kW auf 100 km – bin bereits jetzt zufriedener Elektromobilist, obwohl die Entwicklung gerade erst richtig Fahrt aufnimmt.

Alles nicht erforderlich – Tesla zeigt doch schon lange, wie einfach es funtionieren kann, die Welt wehrt sich halt noch. In zehn Jahren steckst du das BEV an, fast egal wo du gerade stehst, ohne Karte, die Säulen registrieren (bereits jetzt) dein Fahrzeug – der Betreiber kann das Fz dem Halter zuordnen und über staatlich verpflichtend hinterlegte Zahlungsart /-daten zu staatlich reglementierten Preisen abrechnen. Ob Strom gerade kostenlos ist, weil gerade Überangebot herrscht, oder wieviel Geld du bekommst, wenn du deine Batterie ins Stromnetz einspeisen lässt, teilt dir die Säule mit. Benzin bekam man auch einige Jahre nur in manchen Apotheken. Batterieelektrische 40-Tonner wird man in der Öffentlichkeit praktisch nie laden sehen, weil das nebenbei beim Be-/Entladen mit 1MW+x an den firmeneigenen Säule mit eigenem Strom günstigen / selbst produziertem Strom passiert. Der Semi von Tesla wird Tesla-PkWs einnahmentechnisch in kurzer Zeit überflügeln und weil das kaum jemand glaubt, muss Tesla auch keine Konkurrenz fürchten, Brennstoffzellen-LkWs schon mal überhaupt nicht.

Kasch, da ist aber noch viel Wunschdenken von dir dabei. Selbst wenn das so käme hast du die 80 % „Bösen„ (noch) nicht auf deiner Seite. Da muss man gröberes Geschütz auffahren. Jürgen , ausser den Grünen und den Linken tun die anderen Parteien praktisch fast gar nichts im Umweltschutz. Lyphard , deinen Ausführungen ist zu entnehmen , dass die Elektroautos wohl nicht auf deinem Mist gewachsen sind.

Elektroautos haben Gesamtklimatechnisch erst einen Vorteil, wenn keine Kohle mehr verstromt wird. Der alleinige Vergleich mit Verbrennern hingt einfach total.
Wir müssen zunächst jedes neu erzeugte erneuerbare KW dazu verwenden Kohleverstromung zu vermeiden, da man dadurch den maximalen Klima Effekt erreicht.
Und eben nicht in E-Autos „verschwenden“.Wobei in Städten andere Vorteile überwiegen und es dort sicher Sinn macht. Also mittelfristig sehe ich innerstädtisch 20% E-Autos, langfristig dann 100% aber erst wenn wir auf 100% erneuerbare Energien zugreifen können.

Bibi und Tina würden zur Arbeit reiten wenn sie arbeiten würde!

Dass der Strom immer noch nicht ganz sauber ist , kann das E Auto nichts dafür.
Jürgen , gut für deine stetige Werbung für zwei Fabrikate. Sobald aber in Europa mal alle Neuen die kommen werden, auf der Strasse sind, wird ein Markt dazwischen am Grössten sein.

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