„Ende von Streetscooter ein Armutszeugnis für Deutschland“

Copyright Abbildung(en): obs/Ford-Werke GmbH

Günther Schuh, einer der beiden Gründerväter des StreetScooter-Projekts, sieht im Produktions-Aus des Elektrotransporters ein grundsätzlicheres Problem für den Standort Deutschland. In einem im Handelsblatt veröffentlichten Gastkommentar erläutert er ausführlich, warum er dieser Meinung ist. Er habe nach dem Einstieg der Deutschen Post eine „Inkarnation der Langsamkeit“ erlebt: „Der externe Vertrieb wurde drei Jahre gestoppt, die Internationalisierung auch, das geplante Re-Engineering-Programm ebenso“, schreibt Schuh.

Aber das ist noch lange nicht alles: „Normale Beschaffungen wurden verschleppt, das Management wurde rausgeschmissen, Amateure wurden eingesetzt, die Bestellungen der eigenen Post-Flotte minimiert, jegliche Verbesserung wurde verboten – und auf eine Gelegenheit gewartet, das Geschäft unter einem Vorwand einzustellen“, so das vernichtende Urteil.

Ihm tue es nun „leid um die 500 tollen Mitarbeiter, die an das Unmögliche geglaubt haben“. Sie seien während des Projekts „an die Grenzen des Möglichen gekommen“. Seiner grundsätzlichen Kritik am Scheitern des StreetScooters knüpft er einige Fragen an, die den Wirtschaftsstandort Deutschland betreffen: „Warum schaffen wir das Unmögliche nicht mehr wie früher? Was ist aus Erfinder-Deutschland geworden? Wir sind immer noch vorn dabei bei Patenten und tausenden inkrementellen Innovationen, gerade aus dem Mittelstand. Aber warum überlassen wir die großen Disruptionen anderen?

„Silicon Valley ist haushoch überlegen“

Deutschland schaffe „das Unmögliche nicht, weil wir es gar nicht erst versuchen“. Das sei mit ein Grund, warum der Tech-Standort Silicon Valley in den USA „so haushoch überlegen“ sei: „Weil dort ein ganzes Ökosystem tagtäglich nach dem Unmöglichen sucht, das Kunden begeistern und die Welt verbessern könnte. Wir suchen eher nach kleinen, machbaren Ideen.“

Schuh zieht Tesla als Analogie heran. In Kalifornien ein Autounternehmen aufzubauen sei ungefähr so schwer gewesen „wie eine Brauerei in der Wüste hochzuziehen“. Dort gab es „keine anderen Autohersteller, keine Zulieferer, keine Engineering-Dienstleister, keine Anlagenbauer“. Das „perfekt trainierte Möglichmacher-Ökosystem um Elon Musk“ habe es trotzdem geschafft, einen mittlerweile an der Börse höchst dotierten Autohersteller aus dem Boden zu stampfen, der mit dem Model 3 das aktuell weltweit meistverkaufte Elektroauto herstellt.

Auch Streetscooter hätte „Unmögliches geschafft“, so Schuh, schließlich „gab es acht Jahre danach immer noch keinen adäquaten Wettbewerber“ im Segment der Elektrotransporter. Anders als Tesla allerdings hatte Streetscooter „weder eine ausreichende Finanzierung“ noch einen „realistischen Zugang zum Kapitalmarkt“.

Schade für Deutschland“, resümiert Schuh, der mit dem Wunsch, dass durch die StreetScooter-Pleite andere ähnliche Projekte hoffentlich nicht entmutigt werden, seinen Gastbeitrag beendet.

Quelle: Handelsblatt — Das Ende von Streetscooter ist ein Armutszeugnis für Deutschland

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10 Antworten

  1. Ja dem stimme ich einfach zu.
    Gerade in vielen modernen Vorstandsetagen ist das “Grosskotzdenken” manifestiert. Ich frage mich oft warum die Vorstände keine Visionen haben und schon gar nicht am richtigen Punkt sparen können …
    Die europäische bzw. deutsche Hoffung war für mich früher BMW, als sie 2013 den i3 brachten. Wir haben inzw. unseren zweiten, auch wenn er für meine Ansprüche etwas klein ist.
    Allerdings wurde der innovative Denker Deiss entfernt, da die Verkausfzahlen nicht den Vorständen passten… und jetzt hat BMW den Anschluss verloren.
    Hoffung jedoch gibt mir SION, die europäische Visionsfabrik hat hinbekommen, was in den Premiumvorstantsetagen nur belächelt wurde.

    Warum – so fragte ich mich schon vor Jahren, ist beim Streetscooter das Dach nicht als PV LadeGenerator genutzt ? Wie einfallslos darf man als Vorstand noch sein ? Und warum gibt es da keine Unterflur Schublade, in der man z.B. einen REX hätte bei Bedarf reinschieben können, um Reichweite oder Heizleistung zu generieren.

    1. “Hoffung jedoch gibt mir SION, die europäische Visionsfabrik hat hinbekommen, was in den Premiumvorstantsetagen nur belächelt wurde.”
      Was hat Sion denn hinbekommen?

  2. …es ist bitter. Aber dazu passt der Niedergang der europäischen, deutschen Maschinenbauer. Gerade verschwindet die Marke Schaudt. Vereinigt mit Mikrosa vor Jahren in United Grinding aufgegangen. 1000de Maschinen stehen in der Automobil- und Zulieferindustrie.
    Das Problem heißt NICHT E-Antrieb! Die Probleme sind älter und tiefgreifender.
    Viele europäischen Firmen haben einfach den Wandel schon seit langem verschlafen – leider.

  3. Der Misserfolg hat weniger mit dem Standort Deutschland, als mit dem Konzern zu tun. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen dass das Management aller Geschäftszweige zum größten Teil aus Amateuren besteht, die es schaffen Jedes noch so erträgliche und erfolgversprechende Projekt in die Sch….. zu reiten.

  4. Dass am Ende dieses vielversprechenden Leuchtturmprojekts schmutzige Wäsche gewaschen wird war zu erwarten. Hier bietet sich in dem Artikel des geistigen Vaters des Projekts ein seltener Einblick hinter die Kulissen. Erst jetzt wird klar, warum Streetscooter als ungeliebtes Projekt des Vorgängers dem aktuellen Vorstand der Telekom Ballast am Bein war. Natürlich braucht es Begeisterung für ein solches branchenfremdes Projekt und die Telekom hat mit der Übernahme in den USA in ihrem angestammten Geschäftsfeld genug zu tun. Dass mit dem Streetscooter eine deutliche Imageverbesserung für den ehemaligen Staatskonzern verbunden war sieht das heutige Management leider nicht mehr.
    Bleibt nur zu hoffen, dass der eine oder andere (ausländische) Schnäppchenjäger Streetscooter übernimmt und die Schließung der Produktion verhindert wird. Die gesammelten Erfahrungen aus dem ‘Großversuch’ dürften nicht wertlos sein.

  5. In diese Kerbe kann ich nur rein schlagen! Ich habe am eigenen Leibe erfahren, was für Amateure in den Schaltzentralen plaziert sind. Einfachste Überlegungen, die zu zumindest ein Tray and Error ermöglichen können, werden aus Angst und Unwissen, von vorn herein verworfen. Es könnte ja etwas kosten!?
    Leider muss man sagen, Forschung und Entwicklung kostet nun mal. Auch wenn es im Nachhinein nicht fruchtet. So bleibt eine Erkenntnis, die wiederum für Folgeprojekte an Erfahrungen hilfreich sein wird.

  6. Als der Streetscooter entwickelt wurde gab es noch keine preisgünstigen Elektroplattformen wie VW-MEB.

    Wir wissen nicht welche Elektrofahrzeuge für die Post, in der Autoindustrie, derzeit in Planung sind.
    Durch die CO2 Flottenverbräuche werden solche Fahrzeuge für die Industrie wesentlich interessanter.

  7. Neuester Artikel ist schon draussen: Schuh will alles zurückkaufen.
    Solche Missmanagement haben auch andere die nicht in Deutschland sind. Fiat und GM mit Chevrolet, beim letzteren fehlt eben ein Romand- Schweizer der denen damals als Rennfahrer zeigt wie der Hase läuft. Der Sion, das ist Nachgeplapper von E . Musk. Die haben noch gar nichts bewiesen.

  8. Immerhin hat der Streetscooter etwas angeschoben und einen Weckruf an die Grosshersteller generiert die das Segment jetzt übernehmen.
    Dass die Post sowas nicht stemmen kann und eigentlich auch nicht wirklich will war ja abzusehen.
    Es werden bei der relativ neuen E-Auto Sparte noch einige neue Produzenten kommen und wieder verschwinden.
    Das ist ganz normal.
    Es werden sich big Player etablieren so wie Nischenhersteller.
    Ob das die etablierten Verbrennerhersteller sein werden oder ob sich andere Produzenten eher etablieren
    wird sich dann zeigen.

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