Keine Kolben, keine Kerzen – E-Auto für Zulieferer derzeit nicht die beste Wahl

Keine Kolben, keine Kerzen - E-Auto für Zulieferer derzeit nicht die beste Wahl

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So ist das in der Politik: Lässt sich ein Versprechen nicht halten, dehnt man ein wenig und deutet um. Da wurde in einer früheren großen Koalition unter Angela Merkel Deutschland als Leitmarkt für Elektromobilität ausgerufen, und wenig später verkündete die Kanzlerin, spätestens 2020 würden auf den Straßen der Republik mindestens eine Million E-Autos fahren. Dass aus dem Strom-Schlag trotz Kaufprämie nichts geworden ist – egal. Laut Klimaschutzprogramm der Regierung sollen es jetzt sogar sieben bis zehn Millionen E-Mobile werden – aber halt auch erst bis 2030.

Unabhängig davon nimmt die Elektrifizierung tatsächlich Fahrt auf – und mit ihr die Debatte um die wichtigste Industrie des Landes. In den Entwicklungsabteilungen der großen Autobauer hat man sich längst auf gewaltige Umwälzungen eingerichtet. Sollen Akku-Mobile demnächst tatsächlich in Massen von den Bändern rollen, muss es auch bei der Produktion gänzlich anders zugehen als heute.

Vor allem da, wo deutsche Hersteller so gerne ihre Kernkompetenz sehen: beim Motorenbau. Wenn schon bald nahezu ausschließlich Aggregate mit Wicklung verbaut werden sollen – wer braucht dann noch Kolben, Pleuel, Kurbelgehäuse? Auch Zylinderköpfe, Nockenwellen, Ventile – alles wäre plötzlich von gestern. Inklusive all der Präzisionsmaschinen, die solche Teile erst gießen oder schmieden und dann fräsen, bohren, drehen oder honen. Von der Vergütung von Oberflächen gar nicht zu reden.

In E-Mobilen finden sich keine aufwändigen Übersetzungen, keine hochkomplexen Wandler-Automatiken, keine ausgeklügelten Direktschaltgetriebe und selbstverständlich auch keine Kupplungen. Der Elektromotor braucht nun mal – anders als der Verbrenner – keine sinnreiche mechanische Angleichung an optimale Drehzahlen. Noch nicht einmal Starthilfe hat er nötig, so dass man sich selbst so simple Bauteile wie den Anlasser sparen kann.

Verglichen mit der oszillierenden Verarbeitung taktvoller Explosionen ist das Elektroauto der rollende Verzicht: Es kommt ohne Tank aus, ohne Einspritzpumpen, -düsen – und selbstverständlich ohne den kompletten Auspuff samt teurer Abgas-Nachbehandlung. Allenfalls Achsen, Lenkung und vielleicht noch die Fahrgastzelle werden in etwa dem entsprechen, was wir heute üblicherweise auf vier Rädern kennen.

Das alles mag für den Fahrer nach kurzer Zeit der Eingewöhnung womöglich keine große Rolle spielen – für Unternehmen, die sich auf Entwicklung und Fertigung all der dann überflüssigen Bauteile spezialisiert haben, bedeutet es das Aus ihres Geschäfts – und für die Menschen dort den Verlust ihrer Arbeit. Egal, ob in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen oder anderswo. Der Bedarf an Kurbelwellen oder Turboladern etwa wäre plötzlich identisch mit dem von Trabant-Teilen nach der Wende. Da sind ein paar mehr Thermostaten für den Kühlkreislauf der Batterie kein Ausgleich. Nicht wenige Zulieferer sind bereits in die Insolvenz gerutscht, andere kündigen Arbeitsplatzabbau im großen Stil an.

Auch in den Werkstätten wird der Alltag einer mit deutlich weniger Jobs. Kein Ölwechsel mehr, kein Zahnriemen-Tausch, keine Zündkerzen, kein Luftfilter. So ein Elektro-Auto hat einfach weniger Komponenten, weniger Verschleiß, weniger kostspielige Revisionen. Und nicht alle Mitarbeiter lassen sich zum Service-Personal für Batterien oder Ladesäulen umschulen.

Je nach Sicht schwankt die Zahl gefährdeter Arbeitsplätze. Berechnungen der Gewerkschaften gehen von mehr als 400 000 bis Ende 2030 aus, der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) hält das für deutlich zu hoch gegriffen. Richtig ist sicherlich, dass durch die Elektrifizierung auch neue Jobs entstehen – allerdings eben nicht in gleicher Zahl und oftmals nur im Ausland. Gerade die führenden Absatzmärkte wie USA oder China verlangen von ausländischen Herstellern zunehmend lokale Produktion.

Nur schwer vorherzusagen ist der Job-Abbau, der den Fusionen der Branche und den dabei entstehenden Überkapazitäten folgen dürfte. Eben erst haben sich der Opel-Mutterkonzern PSA und Fiat-Chrysler zum viertgrößten Hersteller hinter Toyota, Volkswagen und dem Verbund aus Renault, Nissan und Mitsubishi zusammengetan – VW wiederum kooperiert in Sachen Elektromobilität verstärkt mit Ford. Sie alle eint der Zwang zur CO2-Reduktion. Würden die europäischen Autobauer weitermachen bisher, drohten ihnen geschätzte 30 Milliarden Euro an Strafzahlungen.

Dabei sind die Zukunftsaussichten für E-Autos nicht bloß rosig. In Deutschland und Europa mag verstärkter Absatz zu erwarten sein – in den aktuell dominierenden Märkten China und den USA indes gehen die Verkaufszahlen bereits wieder zurück. Auch, weil die staatliche Förderung im Reich der Mitte zuletzt stark reduziert wurde.

Gut möglich, dass bald wieder Versprechen angepasst werden müssen…

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13 Antworten

  1. WO wind all die arbeitslosen Kutscher, die MitarbeiterInnen in den Schreibstuben mit den mechanischen Schreibmaschinen, die analog-Telekom Spezialisten heute nur abgeblieben? Die Ängste bleiben die gleichen, die Zukunft kommt trotzdem.

    1. Nur weil die Welle langfristig wieder abflacht, heisst es nicht, dass es kurzfristig und lokal keine gewaltigen Verwerfungen geben kann. Gehen Sie mal in die ehemaligen Industriestädte in England und erzählen da den Leuten Ihre Geschichte von den Kutschern.

  2. In dieser Aufstellung fehlen die neuen teuren elektrischen Bauteile.
    Ein Elektroauto braucht ein Wechselstrom (AC) – Ladegerät und eine Leistungselektronik für den Antrieb.
    Am besten ist eine eingebautes 22kW Drehstromladegerät um den Ladeanteil während des Parkens zu maximieren.
    Premium Elektrofahrzeuge werden wohl mit 2 elektrischen Antriebseinheiten ausgerüstet sein (siehe Tesla).
    Schon der neue VW ID.3 wird mittelfristig mit einer 2. Antriebseinheit angeboten werden.
    Dann braucht man einen 2. Elektro-Motor mit Reduktionsgeriebe und Differential, 2 zusätzliche Antriebswellen sowie eine 2. Leistungselektronik für den 2. Antrieb.
    Um eine hohe Batterielebensdauer zu gewährleisten ist eine Batterieklimatisierung nötig.
    Für maximierte Winterreichweiten braucht man eine Wärmepumpe.

  3. Keine Kohlebunker, keine Wassertanks, keine Schlepptender… E-Lokomotiven für Heizer und Bergleute derzeit nicht die beste Wahl…
    Habe in früheren Kommentaren manches zum Thema Strukturwandel geschrieben, möchte das nicht wiederholen.

  4. In erster Linie geht es um Wirtschaftlichkeit. Der Hersteller kann nur überleben wenn die Kosten wieder rein kommen. So denkt auch unsere Regierung. Fördergelder werden nicht verschenkt sondern investiert. Die Rückzahlung erfolgt vom Verbraucher in Form von noch in der Schublade befindlichen Steuern, Abgaben und Gebühren.
    Wie bei allen Produkten gilt: Andere schauen sich an, was es in Deutschland so alles brauchbares gibt, entwickelt Verbesserungen und bauen besser, schneller und effizienter. Mein Land behindert sich selber und wird in einigen Jahren zum “Entwicklungsland”. Der treibende Wirtschaftsfaktor Maschinen- und Anlagenbau wird schrumpfen.
    Machen wir uns nichts vor, ein zu schneller Umstieg auf E-Mobilität kostet Opfer: Steuererhöhungen, Arbeitsplatzverluste, Lebensqualität eine unsichere Zukunft.

  5. Hufschmiede und Pferdeknechte leiden sehr unter der selbstfahrenden Kutsche! Was soll nur aus den Wagnern und Mietstall Besitzern werden? Die Sattler, wer denkt an die bei der Benzinifizierung? Ford’s Model T hat sie alle zur Umschulung getrieben. Das war vor 100 Jahren so wie heute.

  6. Also der Markt in China hat nicht so nachgelassen wie immer geschriebn wird.
    Mich nervt die falsche darstellung die von der Verbrennerlobby immer gepusht wird.

    Hier mal klartext
    2018 => 26Mio Zulassungen davon 1,255Mio E-Autos, da warens 4,3%
    2019 => 23Mio Zulassungen davon 1,200Mio E-Autos, das sind in etwa 5%
    Also ich würde eher sagen die Verbrenner haben in China massivst Federn gelassen und die E-Autos sind trotz streichung der Subventionen gut weggekommen.

  7. Das ist eine falsche Darstellung, und das wissen Sie!

    In China gehen die Zahlen der Elektrofahrzeuge nicht zurück! Sie nehmen nur nicht mehr so stark zu wie vorher. Aus zweistelligen Wachstumsraten wurden einstellige.

    Das ist ein ganz normaler Produktlebenszyklus. Innerhalt einer Konjunkturdelle, die ganz China durchlebte (auch eine normale Kompensation) hat sich auch die Zahl der gesamten Zulassungen relativiert, darunter auch natürlich die der E-Antriebe.

    Dazu kommt eine weitere Innovationswelle und Modellvielfalt in 2020, die zum Abwarten verleitete.

    Sie wollen immer wieder suggerieren, dass noch gar nicht sicher sei, ob sich die E-Antriebstechnik durchsetze.

    Längst passiert.

    Sprechen Sie ein Mal mit Herbert Diess.

    1. Auch wenn China die Subventionen runter fährt, es ist in China dem Normalverdiener zwar möglich einen Verbrenner zu kaufen aber diesen Anzumelden wird ihm fast unmöglich gemacht, also kauft er sich eben ein BEV, das bekommt er gleich zugelassen. Im Klartext mögen die Gesamtzulassungen und die Subventionen zurück gehen, prozentual gehen die BEVs nach oben. Alles andere ist Schönrederei und das Klammern am Strohhalm der längst unter Wasser ist.

  8. Das Problem der Zulieferer beschränkt sich nicht nur auf Produkte, die nicht (oder einige Zeit noch immer weniger = Verdrängungswettbewerb) mehr gebraucht werden.

    Hinzu kommt die ebenfalls nicht mehr Zeit gemäße Produktionstechnik. (Was im Verdrängungswettbewerb ebenfalls nachteilig ist).

    Auch hier bremsen VDA und VDMA gemeinsam mit der Regierung den Fortschritt.

    Hier zwei Links zu 3D-Druck-Entwicklungen (auch aus anderen Branchen), die viele Arbeitsplätze kosten und Logistik, Distribution und Gesellschaft verändern:

    https://3druck.com/marktbericht/starkes-wachstum-im-industriellen-3d-druck-4287713/?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=20kw05

    https://3druck.com/case-studies/3d-gedrucktes-auto-bei-kickstarter-um-6000-euro-2987109/

    https://3druck.com/industrie/deutsche-bahn-laesst-ersatzteile-aus-metall-im-3d-drucker-herstelle-3987710/

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