China will spätestens 2060 klimaneutral sein – ein realistisches Ziel?

China will spätestens 2060 klimaneutral sein - ein realistisches Ziel?

Copyright Abbildung(en): Teddy Leung / Shutterstock.com

China hatte eine überraschende News zu verkünden bei der Generaldebatte der UN-Vollversammlung in New York: Das für mehr als ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortliche Land will spätestens bis zum Jahr 2060 klimaneutral sein, teilte Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in einer zuvor aufgezeichneten Videobotschaft mit. Damit nennt China zum ersten Mal ein konkretes Datum für seine Klimaneutralität. Auch ein Zwischenziel formulierte Xi Jinping: Noch deutlich vor 2030 wolle China den Höhepunkt seines CO2-Ausstoßes erreicht haben, danach sollen die Emissionen kontinuierlich sinken und am besten sogar noch vor 2060 die Neutralität erreicht haben.

Die deutsche EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begrüßte Chinas Ankündigung: „Das ist ein wichtiger Schritt in unserem weltweiten Kampf gegen den Klimawandel im Rahmen des Pariser Abkommens“, erklärte sie in einem Tweet. „Wir werden mit China an diesem Ziel arbeiten. Aber es bleibt noch viel zu tun.“ Im Rahmen des Pariser Klimaabkommens sind alle Regierungen weltweit aufgefordert, spätestens bis November 2021, wenn die UN-Klimakonferenz in Glasgow stattfindet, strenge Klimaziele und konkrete Pläne vorzulegen. Die gesamte Europäische Union hat als Ziel für seine CO2-Neutralität das Jahr 2050 ausgegeben.

„Wenn ein Land solch ehrgeizige Ziele erreichen kann, wird es China sein“

China ist der weltweit größte Energieverbraucher und Treibhausgasemittent, fördert und verbrennt die Hälfte der weltweiten Kohle und ist der größte Importeur von Öl und Erdgas. Die Umstellung dieses wirtschaftlichen Giganten auf CO2-Neutralität innerhalb weniger Jahrzehnte könnte, wie Bloomberg News berichtet, nach Schätzungen von Sanford C. Bernstein & Co 5,5 Billionen US-Dollar (gut 4,7 Billionen Euro) kosten und den Einsatz von Technologien erfordern, die heute noch kaum eingesetzt werden. „Aber wenn ein Land solch ehrgeizige Ziele erreichen kann, wird es China sein“, sagte Gavin Thompson, stellvertretender Vorsitzender des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie, gegenüber Bloomberg News. China sei „in der Lage, seine CO2-Emissionen in den kommenden vier Jahrzehnten genauso zu verändern, wie es seine Wirtschaft in den letzten 40 Jahren verändert hat.“

Xi Jinping sagte in seiner Videobotschaft, China werde seine Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen durch „energischere“ Maßnahmen ausweiten, etwa im Bereich der erneuerbaren Energien. Im Rahmen des nächsten Fünfjahresplans der kommunistischen Partei, der aktuell erarbeitet wird und für die Jahre 2021 bis 2025 gilt, sollen konkrete Vorschläge zur Beschleunigung der Einführung sauberer Energien vorgestellt werden. China dürfte dabei verstärkt auch auf andere kohlenstofffreie Stromerzeugung wie die Kernenergie zurückgreifen, erwarten Analysten. Genehmigungen für einige neue Kernkraftwerke seien bereits erteilt worden.

Die Rolle der Elektromobilität für Chinas Klimaziele

Eine Umstellung von Benzin- und Dieselfahrzeugen auf Elektroautos ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung, um die Emissionen zu senken – und sie ist in China bereits voll im Gange. Analysten von Bloomberg erwarten, dass bis Mitte der 2030er Jahre mehr Elektroautos auf Chinas Straßen unterwegs sind als Verbrenner. Abgesehen von der Verringerung der Emissionen hat die Antriebswende zwei nicht zu unterschätzende Nebeneffekte für China: Sie reduziert einerseits die derzeit weltweit größte Importrechnung für Rohöl. Und andererseits war China im traditionellen Automobilbau den Herstellern aus Europa, Japan und den USA weit hinterher – bei Elektroautos allerdings gilt China mittlerweile als führend.

Sollte es China nicht gelingen, bis 2060 auf fossile Brennstoffe zu verzichten, muss das Land andere Wege finden, um seine verbleibenden Emissionen auszugleichen. Eine Möglichkeit wäre die Abscheidung und Speicherung von CO2 – eine noch recht unausgereifte Technologie, die aufgrund hoher Kosten und praktisch keiner wirtschaftlichen Vorteile aktuell noch kaum genutzt wird. Wenn sich dies ändert, möglicherweise aufgrund steigender Emissionspreise auf dem noch jungen chinesischen CO2-Markt, könnte die Technologie kosteneffizient weiterentwickelt werden.

China könnte auch andere Ausgleichsprogramme nutzen, wie beispielsweise die „naturbasierten Lösungen“, zu denen es sich letztes Jahr auf einem UN-Gipfel verpflichtet hat: großflächige Baumpflanzungen und die Wiederherstellung von Feuchtgebieten. Zum Beispiel plant China, bis 2050 35 Millionen Hektar Wald für sein Projekt „Great Green Wall“ zu schaffen.

Eine Ankündigung mit Signalwirkung?

Die Ankündigung Chinas könnte eine Signalwirkung haben, da einige andere Staaten ihr Zögern und Abwarten beim Kampf gegen die Klimakrise in der Vergangenheit damit begründeten, dass der weltweit größte Emittent China noch kein Klimaziel genannt hatte. Eigene Klimaziele würden deshalb keinen entscheidenden Einfluss haben auf das Weltklima, hieß es oft, weshalb manche Länder ihre eigenen Anstrengungen auf das Notwendigste begrenzen.

Nun kann China es sich erlauben, in die Offensive zu gehen, und die restlichen Zögerer und Abwarter für mangelnden Klimaschutz anzuprangern. Wie etwa die USA: Unter Präsident Donald Trump hat das für gut 15 Prozent aller weltweiten Emissionen verantwortliche Land angekündigt, aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszutreten, und hat seitdem etliche Umweltschutzregularien aufgeweicht und die Nutzung fossiler Energieträger wieder bevorzugt. China wirft den USA deshalb nun vor, den Kampf gegen die Klimakrise ernsthaft zu behindern.

Trump hatte seine Absicht, aus dem Pariser Klimaabkommen auszutreten, bereits am 1. Juni 2017 verkündet. Laut Artikel 28 des Pariser Abkommens ist die Kündigung frühestens drei Jahre nach Inkrafttreten des Abkommens möglich – also ab dem 4. November 2019. Die US-Regierung wählte dann auch diesen erstmöglichen Termin für die Kündigung. Sie tritt allerdings erst ein Jahr nach Eingang des Kündigungsschreibens bei den Vereinten Nationen in Kraft, also am 4. November 2020. Und somit einen Tag nach den Präsidentschaftswahlen, für die der Demokrat Joe Biden als Favorit gilt.

Biden kündigte bereits an, dass die USA im Falle seines Wahlsiegs dem Pariser Klimaschutzabkommen treu bleiben würden. Außerdem will er ein Mammutprogramm auflegen, um den Klimawandel zu bekämpfen. Sollte er Präsident werden, will er innerhalb von vier Jahren insgesamt zwei Billionen Dollar (1,75 Billionen Euro) für die klimafreundliche Umgestaltung der US-Energieversorgung ausgeben. Der Energiesektor der USA soll damit schon bis 2035 klimaneutral werden.

Quelle: Spiegel – Größter CO₂-Produzent China will bis 2060 klimaneutral werden // Bloomberg News – China Wants to Be Carbon Neutral By 2060. Is That Possible? // Tagesspiegel – Biden kündigt Zwei-Billionen-Dollar-Programm an

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9 Antworten

    1. Ich fürchte nicht. Bis 2030 werden die Emissionen noch zu nehmen. Und dann in 20 Jahren gegen Null zu fahren ist eigentlich eh unglaublich. Wobei ja China jetzt schon gewaltige Anstrengungen unternimmt und seit Jahren mehr als 50% der weltweiten Neuinstallationen bei Wind und PV verzeichnet.

      1. In China leben 1,4 Mrd. Menschen. Viele davon haben keinen akzeptablen Lebensstandard. China muss weiter auf Wachstum setzten, um Aufstände zu verhindern. Deshalb werden alle Anstregungen vom Wachstum wieder aufgefressen.
        Würde China aber keine Klimaanstrengungen unternehmen, wäre der Anstieg des CO2 Ausstosses noch viel grösser.

  1. Das ist ein wichtiges Bekenntnis! Entscheidend ist, dass das aus dem Pariser Klimaabkommen resultierende CO2-Budget eingehalten wird. Jedes Land für sich!
    Zu beachten ist auch, dass Deutschland pro Kopf immer noch eine höhere CO2 Emission hat als China und historisch ebenfalls vor China liegt. Wichtig ist auch die Formulierung „spätestens bis 2060“. Nicht nur für China sondern global können die Klimaziele dadurch eingehalten werden, wenn nachhaltige Technologien entwickelt und umgesetzt werden. Hier hat Deutschland noch viel Luft nach oben. In vielen Bereichen wird nicht beschleunigt sondern gebremst. Wenn eine Kommune sich vor Ort ein gelungenes Beispiel für die Umstellung der Busflotte auf Elektoantrieb anschauen möchte, wo muss Sie da hinfahren?

  2. China senkt ja auch schon CO2 belastende Projekte, denn zumindest ist ein Gutes Dutzend Kohlekraftwerke wieder von der zu bauenden Kraftwerke Liste gestrichen worden, aber letztendlich dann Atom Kraftwerke stattdessen zu bauen ist nicht wirklich besser…
    Hoffen wir mal das China versucht Lösungen zu finden die auch in Zukunft keine Probleme bergen.

  3. Die Erwartungshaltung der Chinesinnen und Chinese von Ihrer Führung ist, „Das 21. Jahrhundert gehört uns!“ Und die Führung muss und wird das erfüllen, egal was, wie und wann. Mit oder ohne Uiguren, Hongkong und Taiwan. Ganz simple einfach.

    Wir Alle können nur hoffen, dass es energietechnisch nachhaltig passiert. Wenn China will, dann schaffen sie es auch weit vor 2060, egal welches Opfer sie erbringen müssen. Nochmals, „dieses Jahrhundert gehört uns“.

    China wird einen viel zu starken Hebel haben, um sich von Europa beirren zu lassen, da wird auch das Lachen und die Höflichkeit nicht darüber hinwegtäuschen können. Also ich China 2016 bereist habe, war es für mich eine grossartige Sache und die Kontakte, die ich seither habe sind ausserordentlich gut.

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