Oberleitungs-Lkw auf E-Highway: Zehn Prozent weniger Diesel

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Seit Ende Mai 2019 gehört zum Fuhrpark der Spedition Hans Adam Schanz aus Ober-Ramstadt auch ein Oberleitungs-Lkw. Mehrmals täglich transportiert der Fahrer seine Fracht vom Odenwald nach Frankfurt-Ost und nutzt dabei auch die Oberleitung der A5-Teststrecke – mit ersten positiven Ergebnissen. Scania lieferte mit dem R 450 Hybrid den ersten Oberleitungs-Lkw, der bei seinem Einsatz auch auf der Feldversuchsstrecke der A5 bei Frankfurt unterwegs ist und diese umweltfreundliche und wirtschaftliche Antriebsmöglichkeit nutzt. Erste Erfahrungen liegen nun vor.

Nach den ersten tausend Kilometern, die ausgewertet wurden, konnten wir eine Kraftstoffeinsparung an Diesel von zirka zehn Prozent verzeichnen. Das ist ein erfreulich positives Ergebnis schon nach den ersten Wochen der Testphase“, sagt Stefan Ziegert, Produktmanager nachhaltige Transportlösungen für Scania Deutschland Österreich.

Am 7. Mai wurde die erste deutsche Elektroautobahn für den Güterverkehr in Betrieb genommen. Zwischen den Autobahn-Anschlussstellen Langen/Mörfelden und Weiterstadt in Südhessen können Oberleitungs-Lkw auf Strom aus dem Oberleitungssystem zurückgreifen. Frank Hagedorn, Regionaldirektor Scania Mitte, lieferte den Hybrid-Lkw an die Geschäftsführung des Familienunternehmens Schanz aus. Seitdem transportiert die Spedition Hans Adam Schanz mit dem Scania R 450 Hybrid-Lkw mehrmals täglich etwa 100 bis 150 Tonnen Fracht vom Sitz eines Farbenherstellers im vorderen Odenwald nach Frankfurt-Ost und passiert auf jeder Tour die fünf Kilometer lange Oberleitungs-Pilotstrecke auf der A5 bei Frankfurt. Damit ist der Feldversuch zur Erprobung des oberleitungsgebundenen elektrischen Betriebs von schweren Nutzfahrzeugen unter realen Bedingungen an den Start.

Exklusiver Lieferant für Oberleitungs-Feldversuch

Der Nutzfahrzeughersteller Scania ist exklusiver Lieferant für diesen vom Bundesumweltministerium finanzierten Feldversuch. In den kommenden Monaten werden vier weitere Hybrid-Lkw für das Pilotprojekt in Hessen ausgeliefert. Frank Hagedorn freut sich, dass die Firma Hans Adam Schanz als eine von fünf hessischen Speditionen ausgewählt wurde, am Projekt „Elektrifizierter, Innovativer Schwerverkehr auf Autobahnen“ (ELISA) teilzunehmen. „Schanz ist für uns ein sehr wichtiger Kunde. Wir arbeiten schon seit sehr vielen Jahren gut und vertrauensvoll miteinander.“

Quelle: Fotografie-Schepp

Ohnehin betrachtet es Hagedorn als ein großes Glück, dass die Teststrecke an der A5 „vor der eigenen Haustür“ eingerichtet wurde. „Wir werden die Lkw in unserer Werkstatt in Offenbach betreuen. Die Mitarbeiter sind begeistert, dass sie durch ELISA Einblick in eine solch innovative Zukunftstechnologie erhalten.“

Dazu wurden die Scania Mitarbeiter von Experten der schwedischen Konzernzentrale in Södertälje umfangreich geschult, um im Bedarfsfall die Diesel-Hybrid-Lkw mit Stromabnehmer optimal betreuen zu können. „Die Hochvolttechnologie verlangt ein Höchstmaß an Sicherheit im Umgang mit den hohen Spannungen“, weiß Hagedorn.

Effizienz und Umweltfreundlichkeit

Für nachhaltige Transportlösungen bei Scania Deutschland Österreich ist Produktmanager Stefan Ziegert verantwortlich: „Das eigentlich Charmante an der Technik ist, dass das Fahrzeug nicht nur mit dem Oberleitungsstrom fahren, sondern darüber hinaus im laufenden Betrieb die Batterie laden kann“, erklärt er. Dies bringe erhebliche Vorteile, denn bei einem Nutzfahrzeug, das häufig rund um die Uhr im Einsatz ist, werden die Standzeiten für den Ladevorgang auf ein Minimum reduziert. Der Strom für die Anlage wird zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien bereitgestellt. „Als schwedisches Unternehmen liegt es gewissermaßen in unserer DNA, die Themen Effizienz und Umweltfreundlichkeit von Fahrzeugen zu verbinden. Denn am Ende kauft jeder unserer Kunden so ein Fahrzeug nicht nur aus ökologischem Bewusstsein, sondern um damit Geld zu verdienen“, so Ziegert.

Die Speditions-Geschäftsführerinnen Christine Hemmel und Kerstin Seibert sind begeistert, dass sie nun die Ersten waren, die ein Oberleitungs-Fahrzeug von Scania in Empfang nehmen konnten. „Wir mussten nicht lange überlegen, als wir gefragt wurden, ob wir bei dem Projekt mitmachen wollen“, so Christine Hemmel. Zum einen liegt der Familie Schanz die Umwelt sehr am Herzen. So erfüllen alle 38 Scania Fahrzeuge der Hans Adam Schanz-Flotte schon seit einigen Jahren die Abgasnorm Euro 6. Zum anderen ist man im Familienbetrieb Schanz aber auch immer neugierig und interessiert daran, etwas Neues auszuprobieren. „Die Oberleitungstechnik klingt sehr vielversprechend“, so Kerstin Seibert. „Wir sind sehr gespannt darauf, wie sie sich in der Praxis bewährt.“

„Beim Anfahren ist das Drehmoment sofort da“

Am Steuer des EL-LEON, wie dieser Scania R 450 Hybrid in Schweden getauft wurde, sitzt Thomas Schmieder. Er ist einer von drei Fahrern der Spedition Hans Adam Schanz, die auf dem neuen Oberleitungs-Lkw ausgebildet werden. Es ist kein Zufall, dass er bei der Jungfernfahrt den EL-LEON auf dem E-Highway fährt: Er hatte sich wegen genau dieses Fahrzeugs gezielt bei dem Unternehmen beworben. „Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass die Spedition Schanz an dem Pilotprojekt teilnehmen wird und sofort gewusst, dass ich das machen will. Elektromobilität ist eine extrem interessante Entwicklung – das ist Zukunft – und da will ich dabei sein.“ So ist auch das Fahren mit einem elektrifizierten Lkw für ihn eine Premiere: „Beim Anfahren ist das Drehmoment sofort da, man muss es nicht erst über die Drehzahl aufbauen.“ Und dann ist da noch die Sache mit der Geräuschkulisse: „Wenn man das Fenster geöffnet hat, hört man nur das Rollen der Räder auf dem Asphalt.“

Quelle: Scania

Eine Anzeige in der Armatur zeigt dem Fahrer, ob er im Bereich der Teststrecke auf der richtigen Spur fährt. Denn nur dann kann der Stromabnehmer, der von Siemens entwickelte Pantograf, ausgefahren werden und Kontakt aufnehmen. „Viel Spielraum nach rechts oder links gibt es nicht, da muss man richtig die Spur halten“, sagt Thomas Schmieder. Eine Sache der Gewohnheit, wie der Lkw-Fahrer anmerkt. Auch das Ausscheren aus der Oberleitungsfahrbahn ist kein Problem: „Sobald der Blinker gesetzt wird, fährt der Pantograf automatisch runter und der Überholvorgang kann beginnen“, sagt Schmieder.

Versicherung: Innovative Services für innovative Antriebskonzepte

Oberleitung, Stromabnehmer, Batterien: So wie sich die Hybrid-Lkw von einem konventionellen Dieselfahrzeug unterscheiden, steht auch die Versicherung dieser Fahrzeuge vor neuen Herausforderungen. In Zusammenarbeit mit dem Partner R+V/KRAVAG und der Scania Versicherungsvermittlung GmbH wurde für die Scania Hybrid-Fahrzeuge, die für die E-Highway-Teststrecken in Deutschland bestimmt sind, ein spezielles Konzept entwickelt.

Während der Nutzung der Oberleitungsstrecken sind in der Vollkaskoversicherung deshalb nicht nur Unfälle durch mechanische, sondern auch durch elektronische Einwirkung mitversichert, zum Beispiel, wenn das Fahrzeug durch Strom beschädigt wird. Auch Schäden am Stromabnehmer des Lkw übernimmt die Kaskoversicherung. Die R+V Gruppe unterstützt innovative Ideen im schweren Güterverkehr. Im Sinne der Nachhaltigkeit fördert das Wiesbadener Versicherungsunternehmen auch die Elektromobilität durch spezielle Leistungen für E-Fahrzeugbesitzer. Vom bundesweit ersten Feldversuch mit Oberleitungs-Lkw in Hessen verspricht sich der Versicherer spannende Erkenntnisse und bietet deshalb umfassenden Versicherungsschutz für die teilnehmenden Lkw von Scania.

Oberleitungs-Lkw auch für andere E-Highway-Projekte

Für die Planung und den Bau der E-Highway-Teststrecke in Hessen hat das Bundesumweltministerium rund 15 Millionen Euro investiert. Weitere rund 15 Millionen Euro sollen in Datensammlungen und Auswertungen bis 2022 fließen. „Damit wird geprüft, ob sich die Oberleitungstechnik im Praxisbetrieb bewährt und ob so klima- und lärmschonend Güter auf der Straße transportiert werden können“, erklärt Scania Produktmanager Stefan Ziegert.

Wie viel CO2 kann tatsächlich eingespart werden? Wie verhalten sich die Lkw bei unterschiedlichen Wetterverhältnissen und Einsatzbedingungen? Was passiert, wenn mehrere Hybrid-Fahrzeuge gleichzeitig unter der Oberleitung fahren? Wie viel Strom muss zugeführt werden, damit diese nicht nur fahren, sondern auch noch ihre Batterie laden können? Diese Fragen sollen in den kommenden Jahren auf der A5 und auf zwei weiteren Teststrecken geklärt werden, die in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg entstehen. Auf der A1 bei Reinfeld wird dann getestet, ob eine Anbindung an einen Hafen funktioniert. In Baden-Württemberg soll auf der Bundesstraße B 462 bei Rastatt die Tauglichkeit für Ortsdurchfahrten erprobt werden. Auch für diese Strecken liefert Scania exklusiv jeweils fünf Fahrzeuge.

Wenn die Effizienz der Technik in diesem Versuch festgestellt wird, könnten Lkw künftig generell elektrifiziert unterwegs sein und dann – so die Vision – vielleicht auch ganz ohne Verbrennungsmotor auskommen. Dafür müssten keineswegs alle knapp 15.000 Autobahn-Kilometer in Deutschland mit Oberleitungen ausgestattet sein. Denn zum einen finden knapp 70 Prozent des gesamten Güterverkehrs ohnehin auf den wichtigsten Verkehrsstraßen statt, die sich auf etwa 4000 Autobahnkilometer konzentrieren. Zum anderen würden auf diesen Strecken wiederum Abschnitte von rund 15 Kilometern ausreichen, um die nächsten 50 Kilometer batterieelektrisch fahren zu können.

Quelle: Scania – Pressemeldung vom 18.06.2019

2 Kommentare

  1. Ekektromobilität ohne Reflexion.
    Der Wunsch elektrisch und damit “emissionsfrei” zu fahren ist politisch gewollt. Erst wenn unsere Energieerzeugung zu 100 % regenerative ist, dann dürfte ein solches Konzept real verfolgt werden; wieviel haben wir??

    Sowohl der Dieselmotor wie auch moderne Kraftwerke haben lediglich einen Wirkungsgrad von ca 40 %. Faktisch ist es also egal wo die Emission entsteht- im Kraftwerk oder auf der Autobahn im Dieselmotor und dies alles für 10 % Verlagerung von EMISSIONEN, die als EINSPARUNG dargestellt werden???

    Wir sollten überlegen, ob wir die BÜCHSE DER PANDORRA ein zweites Mal öffnen wollen; beim Ersten Mal war es die Kernkraft ohne Entsorgungskonzept!!

    Der Mensch behauptet doch klug zu sein!??!… Dann sollte er auch so handeln… oder????

    Klaus Groß, Ingenieur…

  2. Finde ich auch ziemlichen Unfug. 10%.. Wenn man alleine die Hardwarekosten nimmt die das Ganze kostet… und dann wird meines Erachtens auch Strom verbraucht ohne das ein Auto fährt, oder? Auch wieder sinnlose Kosten… Ne, dass ist nicht die Lösung in meinen Augen. Übrigens fuhren in den Fünfzigern ne Menge sogenannte O-Busse in Berlin Ost rum… Gab es schonmal.

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