NIO ES8: Der erste Oberklasse-SUV aus China im Kurzreview

NIO ES8 Seitenansicht
Dirk Kunde
Dirk Kunde

Handgenähte Lederverkleidung. Beheizte und belüftete Vordersitze. Einen Liegesitz für den Beifahrer und Platz für sieben Personen. Der ES8 von Nio ist der erste elektrische Oberklasse-SUV aus China. Elektroauto-News.net hat sich diesen ein wenig genauer angesehen.

NIO ES8 – Elektro-SUV mit wuchtigen Maßen

Das Auto ist wuchtig. Fünf Meter lang, 1,76 Meter hoch und 2,26 Meter breit. Das ist Millimeterarbeit beim Rausfahren aus der Münchner Tiefgarage. Hier arbeiten 170 Leute im Design- und Entwicklungszentrum von Nio. Die Zentrale befindet sich in Shanghai. Seit Sommer 2018 wird der ES8 ausschließlich in China verkauft. Im Juli mussten 4.800 Fahrzeug wegen Brandgefahr in der Batterie zurück in die Werkstätten. Ein Dämpfer, der zusammen mit dem Abkühlen des wirtschaftlichen Klimas in China dazu führt, dass weltweit bis zu 2.500 Mitarbeiter gehen müssen.

Dabei hat CEO William Li vieles richtig gemacht. Das Geld aus dem Börsengang an der Nasdaq investierte er nicht in eine eigene Fabrik. Der ES8 und der fünfsitzige ES6 werden bei JAC in Hefei, 500 km westlich von Shanghai gefertigt. Trotz der aktuellen Schwierigkeiten, plant Nio bereits an der elektrischen Limousine ET und einem noch kleineren SUV ES3. Zusammen mit ProLogium MAB forscht man am Festkörperakku.

Langsames Laden

Auf meiner Tour steht der erste Ladestopp im österreichischen Innsbruck an. Mit 100 km Reichweite wage ich den Sprung über die Alpen nicht. Die flüssigkeitsgekühlte 63 kWh-fassende Batterie war bei meinem Start zu 90 Prozent geladen. Die NEFZ-Reichweite liegt bei 355 km. Leider fehlt beim Juice-Booster-Set der Adapter für die Starkstromdose. So lade ich über Nacht an der Schukodose.

Der ES8 hat einen Schnellladeanschluss nach GB/T-Standard mit bis zu 90 kW. Mir bleibt nur der AC-Anschluss auf der anderen Seite mit einem Typ 2-Stecker, der maximal mit sieben Kilowatt lädt – aber auch nur wenn der Wagen komplett ausgeschaltet ist.

Über die Alpen mit dem Elektro-SUV

Am nächsten Morgen schlängle ich mich mit 250 km Reichweite die A13 hoch zum Brennerpass auf 1.370 Metern. Im Sport-Modus ist der 2,4 Tonnen schwere Wagen durchaus agil, in 4,4 Sekunden auf Tempo 100. Abgeregelt wird der SUV bei 200 km/h. Die beiden Motoren mit ihren 480 kW und 840 Nm Drehmoment liefern auf der Bergstrecke ordentlich Fahrspaß. Das Head-up-Display zeigt auf der Fahrbahn schwebend meine eingestellte Geschwindigkeit. Die übrigen Assistenzsysteme sind aus Zulassungsgründen deaktiviert. Der ES8 hat vier Kameras und fünf Radar- und 12 Ultraschallsensoren.

Egal, ich lasse mich vom Fahrersitz massieren und bitte Nomi, die digitale Assistentin das Glasschiebedach zu öffnen. Doch hier beginnen die Verständigungsschwierigkeiten. Das gesamte Menü des Wagens wird mit chinesischen Schriftzeichen angezeigt. Ich erkenne nur Zahlen. Auch Nomi, die kleine Kugel auf dem Armaturenbrett, versteht nur Mandarin. Ich bemühe den Google Translator, aber auch der ist mir keine Hilfe. Nomi antwortet zwar, tut aber nicht, was ich möchte.

Für mich ist in Kurtinig an der Weinstraße Schluss. Zum einen zeigt mein Display hinter dem Lenkrad eine Restreichweite von 65 km. Zum anderen gibt es bis Verona laut Plugsurfing-App kaum noch eine Ladesäule in Autobahn-Nähe. Während der Ladepause klappe ich die dritte Sitzreihe aus. Da ist es sehr eng. Das ist nur etwas für Kinder. Mit der dritten Sitzreihe schrumpft das Kofferraumvolumen von 873 auf 312 Liter.

NFC Technik öffnet Türen

Praktisch ist der NFC-Chip im Funkschlüssel. Diese Fernbedienung oder auch ein entsprechendes Smartphone mit Nio-App können zum Öffnen des Fahrzeugs in der Hosentasche bleiben. Ein Fingerdruck auf den versenkten Türgriff lässt diesen ausfahren. Ein Fusskick unter den Heck-Stoßfänger öffnet den Kofferraum. Für das Smartphone gibt es eine induktive Ladefläche (Qi Standard) in der Ablage. Da kann man auch den Funkschlüsse aufladen. Alles sehr durchdacht.

NIO ES8: Rechnerisch 242 km Reichweite

Am nächsten Morgen zeigt das Display mit 350 km die volle Reichweite an. Der Nio ES8 rekuperiert automatisch. Ein One-Pedal-Drive gibt es nicht. Nach meiner Kalkulation liegt der Verbrauch in den Südtiroler Alpen bei rund 30 kWh pro 100 km. Die Anzeige sagt mir, es seien nur 26 kWh. Die Wahrheit mag in der Mitte liegen.

Bei meiner Sommertour waren es die Berge, im Winter wird die Heizung an der Reichweite knabbern. Grob überschlagen sind bei 63 kWh Nettokapazität und 26 kWh Verbrauch 242 km mit dem großen SUV drin. Nicht doll, aber 2,4 Tonnen wollen bewegt werden.

Die gesamte Ausstattung verdient die Kategorisierung “Oberklasse”. Doch bei einem kritischen Blick auf Materialien und Verarbeitung wird deutlich, dass die europäischen Premium-Hersteller noch ein wenig besser sind.

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Doch der Abstand schmilzt. Ganz besonders wenn man auf die Preise schaut. Die Basisversion des Nio ES8 kostet in China umgerechnet 57.000 Euro. Die Founders Edition, mit der ich unterwegs bin, rund 70.000 Euro. Wann und ob Nio mit den Fahrzeugen nach Europa kommt, ist mit Blick auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im eigenen Land noch ungewiss.

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