StreetScooter-CEO Professor Dr. Achim Kampker: “Nicht nur diskutieren, sondern machen”

Interview StreetScooter-CEO Professor Dr. Achim Kampker -Elektromobilität
StreetScooter GmbH
StreetScooter GmbH

Es freut uns, dass StreetScooter-CEO Professor Dr. Achim Kampker der Interview-Einladung von Elektroauto-News gefolgt ist, um sich über die Vorreiterrolle seines Unternehmens bei der Elektromobilität, sein Erfolgsrezept und die nächsten Pläne zu unterhalten. Bevor wir ins eigentliche Interview einsteigen sei der Verweis auf unseren umfassenden Artikel zu StreetScooter erlaubt, sowie auf die aktuellen News des Unternehmens.


Elektroauto-News: Vom Lehrstuhlinhaber über die erste Idee zum StreetScooter bis hin zum Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der IAA 2011 und damit dem gewissen Quäntchen Aufmerksamkeit zum Vorankommen – die Geschichte Ihres Unternehmens ist alles andere als “normal”. Können Sie uns einen schnellen Überblick über die einzelnen prägenden Wegpunkte von StreetScooter geben?

 Professor Dr. Achim Kampker: Das ging alles rasend schnell: Im Juni 2010 haben wir die StreetScooter GmbH gegründet und begonnen, das Fahrzeug zu entwickeln. 2011 kam dann die Präsentation auf der IAA, dort wurde nicht nur die Kanzlerin, sondern auch die Deutsche Post auf uns aufmerksam.

Der erste StreetScooter als Zustellerfahrzeug war 2012 auf der Straße im Testbetrieb, 2014 wurden wir von der Deutsche Post DHL Group aufgekauft. Heute sind bereits 8.000 StreetScooter für die Deutsche Post im Einsatz, sie haben mehr als 40 Millionen Kilometer zurückgelegt. Und – wir sind mittlerweile Marktführer in Deutschland bei elektrischen Nutzfahrzeugen.

Elektroauto-News: StreetScooter hat sich hinsichtlich der eigenen Fahrzeuge von Beginn an von den Prinzipien und Ansätzen der klassischen Automobilindustrie differenziert. Wie hat sich dies im Detail gezeigt? Und war dies für den Erfolg ausschlaggebend?

Professor Dr. Achim Kampker: Die Philosophie, die Ingenieure antreibt, ist oft das klassische Höher, Schneller, Weiter. Wir stellen uns vielleicht zu selten die Frage, was die von uns erdachten Technologien bewirken, ob sie den Menschen dienen. Bei StreetScooter haben wir deshalb vieles anders gedacht. In der Automobilindustrie gibt es dieses Modell des Weltautos. Ein Fahrzeug, das hoch arbeitsteilig in Niedriglohnländern produziert wird und in jeden Markt der Welt verkauft werden kann – von Sibirien bis zur Sahara.

Wir haben uns hingegen spezialisiert. Wir konzentrieren uns auf bestimmte Bedarfe. Beim StreetScooter ist das die letzte Meile. Wir wollten in der Hälfte der sonst üblichen Entwicklungszeit, mit deutlich geringeren Investitionskosten, einen elektrisch betriebenen Transporter auf die Straße bringen, der in Deutschland international wettbewerbsfähig hergestellt werden kann. Viele haben uns damals gesagt, dass das nicht geht. Mit dem StreetScooter zeigen wir: Es geht doch.

Elektroauto-News: Die Nähe zu verschiedenen Industrien und das Eingehen auf deren Bedürfnisse scheint zu den Erfolgsfaktoren von StreetScooter zu gehören. Wie unter anderem das Beispiel verstärkter Türscharniere beim StreetScooter zeigt, um dem Anspruch gerecht zu werden, 300-mal am Tag vom Paketboten geöffnet und geschlossen zu werden.

Aber wie sonst könnte man Fahrzeuge so stark an den Anforderungen der späteren Kunden ausrichten? Ist dies aus Ihrer Sicht ein Muss für Hersteller der Automobilindustrie (Pkw), um wieder näher am Kunden zu sein mit dem eigenen Produkt? Bei StreetScooter scheint es zumindest zu funktionieren oder gilt diese Herangehensweise “nur” für E-Nutzfahrzeuge? 

Professor Dr. Achim Kampker: Nun, private Pkw erfüllen viele unterschiedliche Zwecke – vom reinen Transportmittel bis hin zum Prestige-Objekt. Beim Nutzfahrzeug steht jedoch der Einsatz als Arbeitsmittel klar im Vordergrund. Und hier haben wir angesetzt: Wir sehen unseren StreetScooter als Werkzeug, das die Prozesse unserer Kunden verbessert. Und das passgenau für unterschiedliche Unternehmen in unterschiedlichen Branchen.

Elektroauto-News: Auch künftig soll das Produkt-Portfolio von StreetScooter wachsen. Die Rede ist von E-Transporter mit Brennstoffzelle sowie E-Lastenfahrräder, als auch Elektroroller. Wie ist hier der aktuelle Stand und wann kann man mit weiteren Neuheiten/Neuigkeiten aus dem Hause StreetScooter rechnen?

Professor Dr. Achim Kampker: Für die Deutsche Post fahren schon 4.000 E-Bikes und E-Trikes der Marke StreetScooter – die Pedelecs haben wir bereits mit im Angebot. Auf der IAA haben wir zudem in diesem Jahr zwei neue Serienmodelle präsentiert: den WORK XL mit höherem Ladevolumen und ein Kühlfahrzeug, den WORK L Cool.

Derzeit entwickeln wir ein Fahrzeug mit Brennstoffzelle. Das technische Spektrum, das wir beherrschen und mit unserem besonderen Ansatz sehr schnell zur Marktreife bringen können, ist groß. Welche konkreten Lösungen dabei als nächstes anstehen, entscheiden letztendlich unsere Kunden.

Elektroauto-News: Elektromobilität muss finanziert werden und am Ende für die Nutzer bezahlbar sein. Die allermeisten Fahrzeuge (Scooter, Autos, LCV u.a.) sind derzeit noch teuer im Vergleich zu herkömmlich betriebenen, vergleichbaren Fahrzeugen. Auch im Falle des StreetScooters mit einem Preis von > 30.000 € brauchen und suchen Gewerbetreibende, Kommunen und ggf. sogar Privatpersonen Finanzierungs- und Leasinglösungen.

Über vereinzelte Markenhändler, v.a. Ford, ist das im Rahmen derer Vereinbarungen mit Finanzieren schon möglich. Wird es, und wenn ja, in welcher Ausprägung, Finanzierungs- und Leasingangebote von StreetScooter selbst oder über einen bundesweiten Kooperationspartner geben?

Professor Dr. Achim Kampker: Zunächst einmal: Der StreetScooter ergibt nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch Sinn. Anfallende Kosten für Wartung und Verschleiß liegen deutlich unter den Kosten bei vergleichbaren Diesel-Nutzfahrzeugen. Wir setzen beim StreetScooter auf eine durchgefärbte Kunststoffkarosserie. Das heißt, Kratzer sieht man nicht gleich und es kann auch nichts rosten. Durch die Modulbauweise lassen sich Einzelteile rasch und günstig auswechseln. Und wegen der geringeren Reparaturkosten bietet die Allianz Versicherung bereits eine Police zum Sondertarif für den StreetScooter an.

Elektrofahrzeuge sind für zehn Jahre von Steuerzahlungen befreit, die Verbrauchskosten sind bis zu 50 Prozent niedriger. Damit ist der StreetScooter über seinen Nutzungszeitraum gerechnet unterm Strich günstiger als das Dieselfahrzeug. Außerdem gibt es attraktive Förderprogramme von Bund und Ländern, die helfen, bei den Anschaffungskosten zu sparen. Wir bieten dazu einen umfassenden Rundum-Service, vom Versicherungspaket über Förderberatung und Finanzierung bis hin zur Unterstützung bei der Ladeinfrastruktur. Die StreetScooter-Händler stehen den Kunden jederzeit bei der Beratung und der konkreten Antragstellung zur Seite.

Elektroauto-News: In einem Artikel der Frankfurter Allgemeine aus dem November 2017 ist die Rede davon, dass Sie vorhaben, einen StreetScooter zur Familienkutsche umzubauen, wenn ihr Opel Ampera den Geist aufgibt. Ist es denn schon soweit? Und viel wichtiger, plant StreetScooter selbst in den Pkw-Bereich einzusteigen? Oder konzentrieren sie sich zunächst weiterhin auf den Nutzfahrzeug-Bereich?

Professor Dr. Achim Kampker: Nein, mein Ampera-E fährt wunderbar, da gibt es noch keinen Handlungsbedarf. Wir arbeiten derzeit daran, unsere Marktführerschaft im Bereich der elektrischen Nutzfahrzeuge weiter auszubauen, da haben wir noch viele Ideen, die wir umsetzen möchten.

Elektroauto-News: E-Mobilität wird im Zusammenhang mit dem Schlagwort Nachhaltigkeit als einer der Hauptansatzpunkte für eine intakte Umwelt gesehen. Doch in Deutschland nimmt diese erst langsam Fahrt auf. Was müsste sich ändern, dass Elektromobilität auch in Deutschland mehr Zuspruch erfährt? Was können Sie / StreetScooter dafür tun? 

Professor Dr. Achim Kampker: In Deutschland diskutieren wir Themen häufig sehr lange, anstatt einfach anzufangen. Im Bereich Elektromobilität hinken wir sicherlich hierzulande etwas hinterher – das liegt vermutlich auch daran, dass wir im konventionellen Antrieb sehr erfolgreich sind beziehungsweise waren. Da fällt die Umstellung auf neue Technologien schwerer.

Hier sollte jetzt ein schnellerer Wechsel stattfinden – das heißt, es müssten mehr Ressourcen, Kraft und Geld in die Entwicklung der Elektromobilität fließen. Wir bei StreetScooter haben da eine Vorreiterrolle übernommen – und auch gezeigt, dass zündende Ideen nicht immer aus dem Silicon Valley stammen müssen, sondern auch aus Aachen kommen können.

Elektroauto-News: Ein wenig träumen darf man noch, gerade zum Ende des Interviews. Wo sehen Sie StreetScooter im Jahr 2030? Und wie stellen Sie sich die (ideale) Welt der Zukunft vor, in der E-Mobilität zumindest ein Baustein sein wird?

Professor Dr. Achim Kampker: Wir wollen die Etablierung der Zukunftstechnologie Elektromotor natürlich weiter vorantreiben.

In China, in Shanghai, habe ich bereits gesehen, wie schnell sich Elektromobilität durchsetzen kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dort hatte der Gesetzgeber schon vor Jahren Zweitakt-Verbrennungsmotoren aus den Innenstädten verbannt. In der Zukunft werden Menschen und Güter weltweit immer mobiler, aber gleichzeitig wollen wir klima- und ressourcenschonend agieren.

Gerade in Städten geht es um die zentralen Herausforderungen Schadstoffbelastungen, Staus, Unfälle und Lärm. Autonomes Fahren, Digitalisierung und Vernetzung des Straßenverkehrs sind deshalb unsere Innovationsthemen. Und natürlich die Umstellung auf Elektromobilität – dies eröffnet uns Optionen für einen umweltfreundlichen, wirtschaftlichen und attraktiven Straßenverkehr der Zukunft. Damit wird Mobilität auch sicherer: Wir können einem Computer nicht beibringen, die Verkehrsregeln zu brechen.

Elektroauto-News: Herr Professor Dr. Kampker, vielen Dank für das Interview.

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