Unfall im Elektro- oder Hybridfahrzeug: Das müssen Sie beachten

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Es ist erst wenige Wochen her, da erschütterte ein tödlicher Unfall die Gemeinde der Elektroautobesitzer. Ein Tesla Modell S war in der US-Stadt Indianapolis mit überhöhter Geschwindigkeit gegen einen Baum geprallt – bis hierhin ein normaler Unfall. Jedoch begann der Wagen anschließend so stark zu brennen, dass Augenzeugen von einer Explosion sprachen – bei der sogar Fahrzeugteile als Trümmer meterweit weggeschleudert wurden.

Die Feuerwehr der Stadt und andere Experten weltweit gaben anschließend einmal mehr zu Protokoll, dass die Technik von Elektro- und Hybridfahrzeugen die Brandbekämpfer vor völlig neue Herausforderungen stellen würde. Doch nicht nur diese, sondern auch die Besitzer selbst, die bei einem Unfall unter Umständen umsichtiger agieren müssen. Was es zu beachten gilt, erklärt der folgende Artikel.

1. Technische Grundlagen

Viele Fahrer von Elektro- oder Hybridfahrzeugen sehen darin nur die kraftstoffsparenden und umweltschonenden Vorteile. Doch so, wie diese Autos auch eine andere Fahrweise benötigen, benötigen sie auch ein geändertes Verhalten bei einem Unfall.

Grundsätzlich gilt zwar, dass diese Fahrzeuge beim klassischen Unfallschutz der Insassen genau so sicher sind wie jedes „normale“ Auto. Doch muss man auch bedenken, dass sich darin eine ganze Menge zusätzlicher Technik verbirgt, genauer gesagt:

  • Die Batterie(en)
  • Die Hochvoltsysteme

Dabei sprechen wir von Spannungen im Bereich von mehreren hundert bis tausend Volt – letzteres bei reinen Elektrofahrzeugen. Diese Spannungen werden in Form von Kabeln, die durch die Karosserie verlaufen, von der Batterie nach vorne zum Motor geleitet.

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Und hier liegt das erste Problem, das vor allem den Feuerwehren Sorgen bereitet. Die Lage dieser Kabel ist bei jedem Fahrzeug unterschiedlich gelöst. Sind die Fahrzeuginsassen nach einem Unfall so eingeklemmt, dass sie freigeschnitten werden müssen, besteht die Möglichkeit, dass dabei eines der spannungsführenden Kabel durchtrennt wird – ein Stromschlag für den Feuerwehrmann wäre im Extremfall die Folge.

Zwar sind solche Hochvolt- (HV) Fahrzeuge technisch so ausgelegt, dass Kabel durch den Unfall selbst nur schwer durchtrennt werden können, aber beim Einsatz der Rettungsschere ist diese Sicherheit eben nicht mehr gegeben. Und bei solchen Spannungen sind die Gefahren durchaus lebensgefährlich:

  • Verbrennungen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Atemstillstand

Das zweite Problem betrifft die Batterie. Ihr technischer Aufbau kann in Verbindung mit ausgelaufenem Benzin zu brennen anfangen. In diesem Fall beginnen die Batterien nach einigen Minuten in den Flammen selbst zu brennen. Das wiederum erzeugt in ihrem Inneren einen Überdruck – dieser soll zwar in der Regel durch entsprechende Berstventile kontrolliert abgebaut werden, aber wie beispielsweise bei dem Tesla-Unfall am Anfang zu sehen, bestehen dennoch gewisse Explosionsrisiken – wenn auch keine großen.

Ein zweites Brandrisiko kann durch die Konstruktion und Lage der Batterie selbst entstehen – ohne Benzin. Wird das Äußere des Stromspeichers durch ein Metallteil penetriert, dann kann es dadurch zu einem Kurzschluss kommen, der in Flammen resultiert. Allerdings:

  • Es kann, muss aber nicht so kommen
  • Die Batterie liegt extra im Unterboden, weil hier das Risiko von Unfallschäden am geringsten ist
  • Viele Hersteller „panzern“ ihre Batterie zusätzlich, Tesla etwa durch den Einsatz von Titan

Deshalb gilt, bitte keine Panikmache. Batterien von Elektroautos und Hybriden stellen bei einem Unfall kein größeres Risiko dar, als ein randvoller Tank voll hochbrennbarem Benzin oder Gas. Und gerade weil das öffentliche Interesse nach solchen Brandfällen so groß ist, arbeiten die Hersteller mit Hochdruck daran, das Risiko noch weiter zu minimieren.

2. Verhalten nach einem Unfall als Insasse

Obgleich die vorangegangen Zeilen manchen vielleicht Magenschmerzen bereiten dürften, ist es in der Realität für die Insassen selbst relativ sicher. Das liegt an einer Eigenheit von Elektro- und Hybridfahrzeugen. Diese sind nämlich in der Regel mit einem sogenannten Crashschalter ausgerüstet. Durch die Wucht des Unfalls löst dieser aus und legt die spannungsführenden Teile tot – und an seiner Funktionalität ist auch nicht zu zweifeln, allein schon weil in Deutschland der Gesetzgeber darüber wacht.

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Deshalb gilt als Fahrzeuginsasse nach einem Unfall zunächst die goldene Regel „Ruhe bewahren“ – auch wenn einem vielleicht Horrormeldungen von brennenden Elektroautos durch den Kopf schießen, das ist die absolute Ausnahme – solange das Fahrzeug nicht direkt nach dem Unfall brennt, ist kaum etwas zu befürchten. Und dann in der folgenden Reihenfolge verhalten:

  1. Eigensicherung. Man prüft, ob sich die Zehen noch bewegen lassen und (leichte) Kopfbewegungen ohne Schmerzen oder Taubheitsgefühle möglich sind. Danach sind die Arme mit leichten Bewegungen an der Reihe. Als letztes prüfen, ob man in irgendeiner Form eingeklemmt ist.
  2. Fremdsicherung. Befinden sich andere Personen im Auto, diese auf Zuruf nach ihrem Befinden fragen und sie dazu anhalten, die gleichen Prozeduren zu absolvieren.
  3. Ausschalten der „Zündung“ um sicherzustellen, dass der Stromfluss unterbrochen ist. Kurze Sichtprüfung, ob irgendwo Kabel herausstehen (nicht berühren!)
  4. Verlassen des Fahrzeugs, nach Möglichkeit auf der verkehrsabgewandten Seite. Anschließend in ausreichendem Abstand (mindestens zehn Schritte) auf das Eintreffen von Rettungskräften warten.
  5. Die Rettungskräfte informieren, dass es sich um ein Elektro- oder Hybridfahrzeug handelt, damit diese entsprechende Sicherheitsregeln berücksichtigen können.

Sollte man eingeklemmt sein, nicht in Panik verfallen. Nicht versuchen, sich selbst zu befreien, das könnte zu noch schlimmeren Verletzungen führen.

3. Verhalten nach einem Unfall als unbeteiligter Zeuge

Ein Schlag und danach Trümmer – auf Unbeteiligte wirken Verkehrsunfälle meist besonders dramatisch und angesichts der durch die Wucht des Aufpralls möglichen Verletzungen auch besonders abschreckend. Allerdings gilt hier die wichtigste Regel, nämlich jeder ist zu erster Hilfe gesetzlich verpflichtet.

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Der wichtigste Schritt ist es, sicherzustellen, dass es nicht noch zu weiteren Folgeunfällen kommt. Deshalb das eigene Fahrzeug in einiger Entfernung abstellen, Warnblinker einschalten, Sicherheitsweste anlegen und ein Warndreieck aufstellen. Erst dann sollte der Fokus auf die Unfallbeteiligten gerichtet werden:

  • Über Telefonnummer 112 die Rettungskräfte verständigen und so genau wie möglich Lage, Art des Unfalls und Anzahl der Verletzten beschreiben
  • Nach Möglichkeit nicht die Karosserie berühren
  • Gibt es Verletzte, diesen gut zusprechen. Stark blutende Wunden sofort verbinden
  • Wichtig: Falls der Fahrer oder andere Insassen nur bewusstlos und/oder eingeklemmt ist, keine kopflosen Befreiungsversuche starten, solange das Fahrzeug nicht brennt. Immer auf die Rettungskräfte vertrauen und bis dahin Ersthilfe leisten.
  • Bei nicht ansprechbaren Personen die Vitalzeichen überprüfen. Ist keine Atmung und/oder Puls feststellbar, die Person sofort nach Möglichkeit aus dem Auto befreien und mit Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung beginnen.

Ein Unfall nimmt einen immer seelisch mit. Jedoch darf dies nicht in Kopflosigkeit oder Panik resultieren, weil dadurch Menschenleben akut gefährdet sind. Im Notfall muss man sich also zwingen, zu helfen – egal wie.

4. Nach dem Unfall – Schadensaufbereitung

Selbst wenn der Unfall weitgehend glimpflich ablief und nur das Auto und nicht seine Insassen beschädigt wurden, wartet in den Tagen und Wochen nach dem Crash noch eine Menge Arbeit auf alle Beteiligten. Grundsätzlich verhält es sich bei der Fahrzeugversicherung eines Elektro- oder Hybridfahrzeugs nicht anders als bei jedem anderen Wagen – die Versicherung wird also einen Gutachter schicken, der prüft, ob und zu welchem Preis das Fahrzeug repariert werden kann. Dabei gilt die sogenannte 130-Prozent-Regel. Stellt der Gutachter dabei fest, dass die Reparatur mehr als 30 Prozent über dem Wiederbeschaffungswert liegt, bekommt der Versicherte lediglich diesen ausgezahlt.

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Wichtiger sind in diesem Bereich jedoch die Unfälle, die das Fahrzeug eben nicht zum Totalschaden machten, sondern sich reparieren lassen. Und hier kann man vor allem der do-it-yourself-Fraktion nur raten, Finger weg. Denn viele technische Teile mögen Hybriden und Elektrofahrzeuge zwar mit ihren benzin- und dieselbetriebenen Kollegen gemein haben – die Spannungsversorgung ist jedoch ein Feld für sich – selbst normale Automechaniker müssen für sowas spezielle Schulungsseminare absolviert haben.

Aus diesem Grund sollte das verunfallte Fahrzeug auch nur in eine Werkstatt gegeben werden, die sich mit den Besonderheiten der (Unfall-) Reparatur dieser Fahrzeugklasse auskennt.

5. Sonderfall Wasserunfall

Nach diesen normalen Szenarios noch ein kurzer Nachtrag für Unfallszenarien, bei denen ein Elektro- oder Hybridfahrzeug in einem Fluss oder See endet. Hier herrschen verständlicherweise Bedenken hinsichtlich eines Stromschlages. Die kurze Antwort darauf lautet, dass diese Angst vollkommen unbegründet ist. Die ausführlichere Antwort bedarf erneut eines technischen Exkurses.

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Ein Elektroauto muss bereits bei starkem Regen mit extremen Wassermengen zurechtkommen die auch in den Motorraum gelangen können. Zuzüglich der Situation, dass die Batterie im Unterboden dann unter Dauerbeschuss durch Nässe steht, sind alle stromführenden Komponenten vollständig wasserdicht, in der Regeln nach der Schutzklasse IP67 oder höher (Wasserdicht bis zu 1 Meter tiefe für 60 Minuten). Allein von diesem Standpunkt droht also, selbst wenn das Auto nach einem Unfall im Wasser landet, weder den Insassen noch den Rettungskräften eine Gefahr durch wasserbedingte Stromschläge oder Kurzschlüsse.

Allerdings könnte sich – wenn die Batterie für eine sehr lange Zeit vollständig unter Wasser wäre – durch eine chemische Reaktion Knallgas bilden. Allerdings ist das nur ein theoretisches Problem, denn im Süßwasser von Flüssen und Seen bräuchte es dazu schon einige Tage – und selbst in Salzwasser immer noch mehrere Stunden.

Das bedeutet also, selbst wenn ein Elektrofahrzeug nach einem Unfall im Wasser landen oder durch Überflutungen darin stehen würde, bestünde kein irgendwie geartetes erhöhtes Risiko, das nicht auch bei jedem anderen Fahrzeug vorhanden wäre.

Fazit

Elektro- und Hybridfahrzeuge haben viele technische Besonderheiten – auf der anderen Seite ähneln sie jedoch auch in vielem herkömmlichen Autos. Grundsätzlich bestehen bei Unfällen damit zwar, andere, aber eben keine höheren Risiken, als bei Benzinern oder Dieseln. Und angesichts der Tatsache, dass täglich mehr „Stromer“ auf den Straßen unterwegs sind, zeigt sich auch, dass viele „Skandalvideos“ von brennenden Teslas und Co. nur Effekthascherei sind. Denn auch Verbrennerfahrzeuge haben solche Risiken – bloß macht ein Feuer darin keine Schlagzeilen.

Über den Autor

Sebastian hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere Alternative Antriebe werden betrachtet.

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